Förderverein Stadtbibliothek Rottenburg

30.07.2019: Digitalisierung und Zukunft der Arbeit

Dokumentation

Impuls und Moderation: Wolfgang Hesse

1. Einführung

Möchten Sie die folgende Aufgabe ausrechnen? Nein Danke!

27 * 12 * 45 * 56 * 23* 1,12 * 0,34 * 102 * 99  = ????

Müssen wir Menschen eine große Menge von Zahlen multiplizieren, kommen wir schnell an unsere Grenzen, wogegen für einen Computer, z. B. mit Hilfe von Excel, diese Aufgabe ein Klacks ist. 

Dagegen können wir das Bild mit den Menschen, die Katze und den Baum schnell und sicher erkennen. Solche Aufgaben sind für einen Computer – im Gegensatz zum Menschen - schwierig. Und doch sind Aufgaben, wie z. B. die Bilderkennung, auf den Computer übertragen worden. Da Computer immer auf Elektronik basieren, mussten dafür neue Rezepte (Algorithmen) gefunden werden - die uns den Eindruck vermitteln, als sei menschenähnliche Intelligenz am Werk.

Neuronale Netze sind nach dem Vorbild natürlicher Gehirne aufgebaut und wurden zu den leistungsfähigsten und nützlichsten Methoden auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Eine ihrer herausragenden Eigenschaften ist, dass sie lernen können, d. h. man kann sie trainieren, eine bestimmte Aufgabe immer besser zu lösen. Damit ein neuronales Netz z. B. von Hand geschriebene Zahlen erkennen kann, muss es ein Training mit Hilfe vieler Vorlagen absolvieren und aus seinen Fehlern lernen. Je mehr Trainingsvorlagen bearbeitet worden sind, desto besser wird die Erkennungsrate. Anwendungen sind z. B. die automatische Nummernschilderkennung oder das automatische Lesen von handgeschriebenen Postleitzahlen. Es entsteht der Eindruck, als würden solche Systeme ihre Aufgaben „autonom“ lösen (1).

 

2. Was versteht man unter Digitalisierung und was ist das aktuell Neue?

Digitalisierung im engeren Sinn bezeichnet das Umwandeln von analogen Werten (Texte, Zahlen, Bilder usw.) in digitale Formate. Daten in diesem Format lassen sich informationstechnisch weiterverarbeiten. Neuronale Netze leisten heute Dinge, die bis vor kurzem undenkbar waren: So hat Anfang 2016 z. B. das Programm Alpha Go von Google DeepMind zum ersten Mal den Weltmeister Ke Jie in dem hochkomplexen Spiel Go geschlagen. Das computergestützte Analysieren großer Datenmengen kann zum Auffinden von Mustern, Trends oder Zusammenhängen führen (Data Mining, Big Data).

 

Nach Welf Schröter (2) lässt sich der Prozess der Digitalisierung in drei Phasen aufteilen:

  1. Ab Mitte der 90-iger Jahre führte eine erste Phase der Digitalisierung zur Kommunikation zwischen Menschen per Email als die vorherrschende und dominierende Form der Datenkommunikation (Digitalisierung 2.0 - Internet der Menschen).
  2. Bereits zehn Jahre später überwog der Datenaustausch zwischen Geräten und Maschinen (z. B. vom PC zum 3D-Drucker) das Gesamtvolumen der Datenkommunikation. (Digitalisierung 3.0 - Internet der Dinge).
  3. Ziel der aktuellen digitalen Transformation ist es, automatisierte komplexe betriebsinterne und betriebsübergreifende Prozesse zu ermöglichen und diese evtl. zueinander in Austausch zu bringen. (Digitalisierung 4.0 - Internet der globalen Prozesse in Echtzeit).

„Die digitale Transformation umfasst zum einen den Prozess der nachholenden Digitalisierung und zum anderen den Übergang der Geschäfts- und Arbeitsprozesse in die Anwendungswelt verschieden-artiger teilautonomer bzw. „autonomer“ Softwaresysteme“ (Schröter, a.a.O.). Dabei geht es nicht einfach nur um das Einführen einer neuen Software, sondern um den Einsatz einer neuen Technik, die massive Auswirkungen auf das Verhältnis von Mensch und Maschine, auf die Arbeitswelt und auf die ganze Gesellschaft hat, weil sie in der Lage ist, branchenübergreifend Routinetätigkeiten zu automatisieren.

Im Rahmen der digitalen Transformation „wird an die Stelle der traditionellen Handlungsträgerschaft Mensch immer mehr eine neue Handlungsträgerschaft „autonomes-Software-System“ treten. Dieses ‚lernt‘, ‚denkt‘, ‚bewertet‘, ‚verarbeitet‘, ‚kommuniziert‘ und ‚entscheidet‘ anstelle des Menschen, gleichsam hinter dem Rücken des Menschen.“ (Schröter, a.a.O., Seite 8).  Dabei geraten dem Menschen seine Arbeitsprozesse und die Hintergründe des maschinellen Handelns immer mehr außer Sicht. Beispielsweise kann es einem Personaler beim Einsatz eines automatischen Bewerberauswahlsystems passieren, dass er nicht mehr weiß, warum ein bestimmter Bewerber nicht in die engere Auswahl gekommen ist.

 

3. Aktuelle Tendenzen auf dem Arbeitsmarkt

Bevor wir uns einige der durch die digitale Transformation zu erwartenden Veränderungen der Arbeitswelt anschauen, werfen wir einen kurzen Blick auf aktuelle Entwicklungen in unserem Beschäftigungssystem. Diese schon heute sichtbaren Tendenzen geben uns erste Hinweise auf die Richtung kommender Entwicklungen. Die im Folgenden referierten Daten stammen - sofern keine andere Quelle genannt ist - aus dem „Datenreport 2018“ (3).

 

  • Während die Zahl der Erwerbstätigen kontinuierlich steigt, sinkt die Zahl der je Erwerbstätigen geleisteten Arbeitsstunden.
  • Heute arbeiten etwa ¾ der Beschäftigten in den Bereichen Verwaltung, Bildung, Gesundheit und Forschung (tertiärer Sektor), während nur ein Viertel im verarbeitenden bzw. produzierenden Gewerbe (sekundärer Sektor) tätig ist. Allerdings haben sich der Zuwachs der Zahl der Beschäftigten im tertiären Sektor und die Abnahme der Zahl der Beschäftigten im sekundären Sektor in den letzten Jahren verlangsamt.
  • Bis 2006 hat die Zahl der Normalarbeitnehmer (> 20 Std/Woche, sozialversicherungspflichtig) deutlich abgenommen, während die Zahl der atypisch Beschäftigten (Teilzeit < 20 Std/Woche, Mini-Midi-Job, Zeitarbeit, auftragsbezogene Beschäftigung) angestiegen ist. Mit dem Einsetzen des Aufschwungs nach 2011 ist die Zahl der Normalarbeitnehmer wieder angestiegen, während die Zahl der atypisch Beschäftigten nahezu gleich groß geblieben ist. Heute arbeiten laut Statistischem Bundesamt rund ein Viertel der Beschäftigten und fast die Hälfte der Frauen in Teilzeit. In Mini- und Midi-Jobs waren 2015 23% der Erwerbstätigen beschäftigt. 45% aller Neueinstellungen erfolgen befristet. Es sind vor allem Frauen, Jüngere und Geringqualifizierte, die in Teilzeit, Minijobs, Leiharbeit oder befristet arbeiten.
  • Innerhalb der Normalarbeitnehmer kommt es zu einer Spaltung: Während die einen durch hohe Schutzstandards und Tarifbindung ihre Einkommen kontinuierlich verbessern, erfahren andere Erwerbstätige ihre Situation als prekär, weil sie mit hohem Konkurrenz- und Wettbewerbsdruck konfrontiert sind, die Tarifbindung fehlt und Aufstiegswege nicht mehr funktionieren.
  • Die Einkommen in deutschen Haushalten sind von 1991 bis 2014 zwar um 12% gestiegen, jedoch verlief die Entwicklung in den Einkommensgruppen unterschiedlich: Die mittleren Einkommen nahmen um mehr als acht, höchstens jedoch um 26 % zu, während die unteren Einkommen real zurückgingen. Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass Deutschland mit ca. 23% der Beschäftigten einen der größten Niedriglohnsektoren aufweist. (Niedriglohn = weniger als 2/3 des Median-Einkommens).
  • Die Ergebnisse einer Studie der Bertelmann Stiftung „Unternehmenskonzentration und Lohnquote in Deutschland“ (4) deuten darauf hin, dass eine Zunahme der Dominanz hochproduktiver „Superstar“-Firmen zum Rückgang der Lohnquote (= Anteil am volkswirtschaftlichen Gesamteinkommen) auf Branchenebene beitragen kann: Die Studie stellt heraus, dass eine Zunahme der Unternehmenskonzentration um zehn Prozent mit einem Rückgang der Lohnquote in diesen Unternehmen um etwa 0,5 Prozent einhergeht. Es zeigt sich ferner, „dass Beschäftigte in stark von der Digitalisierung geprägten Branchen besonders betroffen sind: In jenen Branchen ist der Rückgang der Lohnquote bei einer gegebenen Zunahme der Unternehmenskonzentration teilweise doppelt so groß.“

 

4. Digitalisierung und Gesellschaft

Die digitale Transformation geschieht in Wechselwirkung mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen: Der auch durch demographische Faktoren bedingte Fachkräftemangel und die Individualisierung tragen bei den Beschäftigten zu einer veränderten Werthaltung gegenüber der Arbeit und einer neuen Ausgestaltung der Work-Life-Balance bei, während Firmen zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit der Ressource Mensch finden. Die durch die Digitalisierung ermöglichten neuen Formen der Arbeit – wie etwa Homeoffice oder individuelle Arbeitszeitbudgets – unterstützen diese Entwicklung und treiben sie weiter voran.

 

Die Digitalisierung verändert bzw. beeinflusst in Betrieben

 

  • auf der Arbeitsplatzebene Tätigkeiten der Menschen,
  • auf der betrieblichen Ebene Führungs- und Geschäftsprozesse sowie betriebliche Organisation und
  • auf der gesellschaftlichen Ebene volkswirtschaftliche und arbeitsmarktpolitische Veränderungen (5).

 

5. Veränderungen auf der Arbeitsplatzebene

  • Gefahr zunehmender Arbeitsverdichtung, Gefahr höherer Arbeitsgeschwindigkeit, und Zunahme der Komplexität der Aufgaben. Ein Beispiel: KI verhilft Ärzten bei der Analyse von Röntgen- oder MRT Aufnahmen zu schnelleren und sichereren Diagnosen (z. B. beim Auffinden von Krebszellen). Was passiert mit der dadurch eingesparten Zeit? Bekommen Ärzte mehr Zeit für Patientenkontakte oder werden ihnen für die gewonnene Zeit neue Aufgaben, etwa mehr Bürokratie zugewiesen?
  • Arbeitsabläufe werden in zunehmenden Maß von Maschinen gesteuert. Es stellt sich die Frage, ob der Mensch oder die Maschine den Takt vorgibt.
  • Manuelle und geistige Routinetätigkeiten werden branchenübergreifend (teil-)automatisiert, was zu einer Veränderung der erforderlichen Qualifikationen führt. So werden am Arbeitsplatz immer mehr IT-Kenntnisse verlangt, wogegen geistige Routinetätigkeiten entfallen.
  • Entlastung durch (teil-)automatische Assistenzsysteme am Arbeitsplatz, z. B. in der Pflege.
  • Der Mensch übernimmt mehr steuernde, planerische und Wartungsfunktionen.
  • Entkoppelung von Ort und Zeit am Arbeitsplatz, mobile Arbeitsmodelle verbessern die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, was aber ein erhöhtes Maß an Fähigkeiten zum Selbstmanagement verlangt.
  • Steigende Erwartungen an die Verfügbarkeit von Arbeitnehmern.

 

6. Veränderungen auf der Betriebsebene

  •  Der Betrieb als geschlossenes System der Leistungserbringung verliert an Bedeutung zugunsten von Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette.
  • Steigende Bedeutung der Kompetenz aus großen Datenmengen nutzbare Trends zu erkennen (Big Data, Data Mining).
  • Die zunehmende Maschine-zu-Maschine-Kommunikation verändert den betrieblichen Aufbau und Ablauf.
  • Verflachung von Hierarchien und Aufbau agiler Organisationsformen.
  • Es wird zwar weiterhin im Kern eines Betriebes Angestellte mit klassischem Arbeitsvertrag geben, aber daneben auch zunehmend sog. Freelancer, die auftragsbezogen arbeiten und für die Betriebszugehörigkeit und ein festes Beschäftigungsverhältnis nicht mehr ausschlaggebend sind. Damit bilden sich neue Formen der Arbeit heraus: Freelancer, die sich auf Auftragsplattformen, wie z.B. www.twago.de, quasi von Auftrag zu Auftrag hangeln.
  • Veränderung der Bindung von Mitarbeitern an den Arbeitgeber. Um eine belastbare Bindung von hochspezialisierten Mitarbeitern an den Betrieb zu erreichen, braucht es mehr als eine vertragliche Grundlage. Identifikation mit der Aufgabe und dem Arbeitgeber sowie der Kultur des Betriebes werden wichtiger.
  • Veränderungen in der Unternehmensführung in Richtung mehr Förderung von Innovation und Aufbau agiler Organisationsformen (Stichworte: Handlungsspielräume, Partizipation, Vielfalt im Team, Zeit und Raum für Querdenken, Wissenstransfer, Netzwerke, Fehlertoleranz)

 

7. Arbeitsmarktpolitische und volkswirtschaftliche Änderungen

  • Ausbildungsinhalte und Ausbildungsberufe der dualen Ausbildung sind an die neuen Anforderungen anzupassen.
  • Steigende Bedeutung folgender Qualifikationen und Kompetenzen:
  • IT Grundkompetenz und Medienkompetenzen
  • Methoden-, Selbst- und Sozialkompetenz
  • Kreative Kompetenz
  • Lern- und Veränderungsbereitschaft sowie die Fähigkeit dazu
  • Fähigkeiten im Umgang mit Geschwindigkeit und Veränderung
  • Fähigkeiten zur Selbstvermarktung
  • Lebenslanges Lernen
  • Angesichts des Zuwachses an überfachlichen Kompetenzen braucht es Aus- und Weiterbildungskonzepte und -Institutionen, die diese Kompetenzen zuverlässig vermitteln können.
  • Neue Geschäftsmodelle, strategische Allianzen, Mensch-Maschine-Schnittstellen werden zu bewältigen sein und schaffen viele neue Tätigkeits- und Jobprofile.
  • Arbeit wird stärker über sogenannte Plattformen organisiert, so dass der bisherige Begriff des „Betriebes“ und seine Funktion als „Arbeitgeber“ fraglich werden.
  • Chancen auf dauerhafte Beschäftigung könnten sich für einige durchschnittlich Qualifizierte reduzieren. Die bisher als selbstverständlich angesehene Annahme, mit der Entwicklung neuer Technologien steige die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften und die nach Niedrig-Qualifizierten sinke, scheint nicht mehr zu gelten. Es wird bei vielen Tätigkeiten, die bisher durch Beschäftigte mit mittlerem Qualifikationsniveau ausgeübt wurden und die eine manuelle oder kognitive Routinetätigkeit darstellen zu einer Substitution durch Technik kommen.
  • Demografische Effekte können diesen negativen Beschäftigungseffekt abfedern.
  • Die Digitalisierung fördert eine „The winner takes it all“ - Ökonomie, d. h. es entstehen wenige, global agierende Konzerne mit einer riesigen Marktmacht. Auf der anderen Seite entsteht eine Vielzahl keiner StartUps, von denen die erfolgreichsten bei Bedarf von den Konzernen aufgekauft werden. Die Beschäftigungswirkung der StartUps wird überschätzt (6). Die traditionelle Mittelschicht gerät in wirtschaftliche Gefahr und schrumpft. Digitalisierung kann die gesellschaftliche Spaltung vertiefen.
  • Trotz aller Digitalisierungsbemühungen werden sensomotorisch anspruchsvolle Arbeiten wegen ihrer Feinmotorik schwieriger zu automatisieren sein. Das Gleiche gilt für geistige Nicht-Routine-Tätigkeiten, die ein hohes Maß an sozialer und emotionaler Intelligenz und/oder Kreativität erfordern, z. B. Kranken- und Altenpflege, Ausbildung, Sozialarbeit.

 

8. Welche Gestaltungsmöglichkeiten werden diskutiert?

  •  Da sich verschiedene neue Arbeitsformen herausbilden, darf die soziale Absicherung nicht auf das klassische „Normalarbeitsverhältnis“ beschränkt bleiben, sondern muss auf sich neu entwickelnde Arbeitsformen ausgedehnt werden.
  • Dazu bedarf es eines erweiterten Arbeitnehmerbegriffes, der zwischen dem klassischen Arbeitnehmer und dem klassischen Selbständigen liegt. Ein Beispiel aus den USA (7):
  • Employee (abhängig Beschäftigter)
  • Dependent contractor (abhängig Selbständiger)
  • Independent contractor (Selbständiger)
  •  Ausweitung der Tarifbindung, besonders im Dienstleistungssektor.
  • Diskussion von „Mindesthonoraren“ für als Auftrag vergebene Leistungen in Anlehnung an den Mindestlohn, um die Unterbietungswettbewerbe auf den Clickworker-Plattformen zu stoppen.
  • Einführung bzw. Erweiterung portabler Rechte für Erwerbstätige, die bei Wechsel oder Verlust des Arbeitgebers die soziale Absicherung und Besitzstände des Arbeitnehmers sichern. Stichworte sind: Betriebliche Altersvorsorge, Künstlersozialversicherung, überbetriebliche Urlaubskassenverfahren, Umlagesysteme U1 (Lohnfortzahlung bei Krankheit) und U2 (Lohnfortzahlung im Mutterschutz).
  • Einführung des Besteller-Prinzips: Wenn z. B. eine deutsche Firma über eine digitale Plattform Dienstleistungen bestellt, muss deutsches oder EU-Recht gelten, d. h. die hierzulande geltenden Standards für Mindestlohn und steuerliche Behandlung. Denkbar wäre auch - wie heute schon bei der Künstlersozialversicherung - den Besteller an der sozialen Absicherung des Auftragnehmers zu beteiligen.
  • Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens.
  • Einführung eines sozialen Arbeitsmarktes für diejenigen, die den gestiegenen Qualifikationsanforderungen nicht entsprechen können. Ist bereits realisiert.
  • In dem Maß, in dem Entscheidungen „autonomer“ Systeme immer mehr menschliches Verhalten und immer mehr menschliche Rechte berühren, steigt der Bedarf an Überprüfbarkeit und Nachvollziehbarkeit solcher Entscheidungen. Jedes in Deutschland fahrende Auto muss z. B. eine Handbremse, Rücklichter und eine Reihe anderer technischen Funktionen bei seiner Zulassung vorweisen. Für Softwaresysteme, die in das menschliche Zusammenleben eingreifen, müssen gesetzliche Grundanforderungen an Nachvollziehbarkeit, Überprüfbarkeit, Sicherheit und zugrundeliegende Präferenzen entwickelt und durchgesetzt werden. Das wäre eine Art Software-TÜV.
  • Alle „autonomen“ oder „intelligenten“ Systeme sind von Menschen gemacht. In die Herstellung solcher Systeme gehen menschliche Ziel- und Wertvorstellungen ein. Deshalb muss den Entwicklern auf die Finger geschaut werden. Dafür müsste in Politik, Verwaltung und Bevölkerung mehr „digitale Kompetenz“ vorhanden sein. Was liegt also näher, als von den Schulen zu verlangen, sie sollten ihren Schülern diese vermitteln? Da die Schulen sich aber bis heute damit schwertun, den Leuten das Lesen, Schreiben und Rechnen ordentlich beizubringen, entsteht hier die berechtigte Frage, wo denn die digitale Kompetenz herkommen und wie sie vermittelt werden soll.
  • Es ist Aufgabe der Arbeitgeber, der Sozialpartner und der Politik, glaubwürdige Szenarien bezüglich der Auswirkungen von Digitalisierung zu erstellen, um so die Menschen zu informieren, mit welchen Entwicklungen sie rechnen müssen. Nur so lassen sich Unsicherheit und Zukunftsängste den Menschen reduzieren.

 

9. Zusammenfassung

Die digitale Transformation ist in vollem Gange. Sie muss sozial, gesellschaftlich, ökonomisch und rechtlich gestaltet werden. Dazu braucht es seriöse Informationen über die tatsächlich zu erwartenden Veränderungen – und klare moralischen Zielvorstellungen, in welche Richtung diese Veränderungen gestaltet werden sollen. Diese Gestaltungsprozesse müssen dringend zu einem Gegenstand der politischen Diskussionen werden.

 

Andernfalls „führt ein Mangel an technologischer Aufklärung und ein gewisser technischer Laizismus („davon verstehe ich ja ohnehin nichts“) zu einem schleichenden Verlust der Autonomie und damit auch der Menschenwürde. (Klaus Kornwachs: Der Herr der Dinge oder warum wir unsere Geschöpfe an die Hand nehmen sollten. In Schröter (2), Seite 15) Damit ist die Gefahr einer Vertiefung der gesellschaftlichen Spaltung angesprochen: Die Spaltung zwischen einer gesellschaftlichen Gruppe, die von der digitalen Transformation profitiert und einer Gruppe, die noch weiter abgehängt wird.

 

10. Literatur – auch zum Weiterlesen und Vertiefen …

 

(1): Rashid, Tariq: Neuronale Netze selbst programmieren. O’Reilly, Heidelberg 2017

(2): Schröter, Welf: Selbstbestimmung zwischen „nachholender Digitalisierung“ und „autonomen Software-Systemen“. In Schröter, Welf: Autonomie des Menschen – Autonomie der Systeme. Mössingen-Thalheim, 2017

(3) Statistisches Bundesamt (Destatis) und Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB): Datenreport 2018 – Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland, Bonn, 2018

(4) Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Unternehmenskonzentration und Lohnquote in Deutschland. Eine Analyse auf Branchenebene zwischen 2008 und 2016, Gütersloh, 2018

(5) Jutta Rump, David Zapp, Silke Eilers, „Vom Arbeiten 4.0 zur Führung 4.0“ in Schröter (2), Seite 83)

(6) Hill, Stevens. Die Start-up Illusion. Wie die internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert. München, 2017

(7) Jürgens, K. u. a.: Arbeit transformieren!  Denkanstöße der Kommission „Arbeit der Zukunft“, bpb Band 10244, Bonn, 2018

 

Und als Klassiker:

Brynjolfsson, E. und Mcaffee, A.: The Second Machine Age. Wie die digitale Revolution unser aller Leben verändern wird. Kulmbach, 2014

 

11. Diskussionsbeiträge der Teilnehmer

Ergänzend zum Einstiegsimpuls ging es in der Diskussion insbesondere um die eigenen beruflichen Erfahrungen hinsichtlich der Digitalisierung in der Arbeitswelt sowie um die Einschätzung des Digitalisierungsprozesses für Gesellschaft und Arbeit und deren Folgen. Dazu wurden aus dem Teilnehmerkreis folgende Aspekte eingebracht:

 

  • Als hilfreich und entlastend erfahren wurde der Einsatz der EDV-Technik in der Pflegedokumentation. Aus Sicht einer ehemaligen Pflegekraft wären allerdings sog. Pflegeroboter nicht vorstellbar, da dabei das Zwischenmenschliche verloren ginge. Unterstützende Assistenzsysteme, welche die Pflegekraft in ihrer Arbeit unterstützen ja, aber nicht als Ersatz für menschliche Zuwendung.
  • Der Mensch verwirklicht sich in seiner Arbeit als Person. Diese vermittelt ihm Lebensgrundlage und Sinn. Es geht also primär um die Frage: Was und wie kann ich gestalten? Dafür braucht er Mittel. Die Digitalisierung kann ihn dabei unterstützen, in der allerdings primär technische Möglichkeiten im Mittelpunkt stehen. Diese vermittelt Werkzeugkenntnisse, wichtig sind aber Aneignungskenntnisse.
  • Digitalisierung kann sehr wohl genutzt werden für geistige Tätigkeiten. Die Kernfrage ist aber: Was wollen, sollen wir machen? Es geht dabei auch um Zukunftsplanung. Diese kann jedoch ein Roboter nicht leisten. Dazu braucht es menschliche Fähigkeiten.
  • Aus Sicht eines Maschinenbauers konnten mit der zunehmenden Technisierung der Arbeitsabläufe sowohl Produktivität wie Qualität gesteigert sowie die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Allerdings haben sich dabei auch die Anforderungen an die Menschen verändert: Für das Einrichten und Programmieren der Maschinen sind mehr Fachkenntnisse notwendig, für das reine Produzieren, das dann maschinengesteuert erfolgt, eher weniger.
  • Aus der Autoindustrie wird berichtet, dass das Wissen um komplexe Vorgänge bzw. Zusammenhänge auf Maschinen und Computerdiagnosen verlagert wurden. (vgl. Diagnoseverfahren in der Autowerkstatt im Unterschied zu früher, wo der Automechaniker den Fehler selbst finden musste.) So ist es auch möglich, Fahrwerkseinstellungen mit dem Smartphone zu verändern.
  • Bei SAP gibt es z. B. keine festen Arbeitszeiten mehr. Entscheidend für die Organisation der Arbeit ist ein optimales Ergebnis.
  • Hinsichtlich des ‚autonomen’ Fahrens wird klargestellt: Es handelt sich dabei um automatisiertes Fahren, nicht um autonomes Fahren. Über Ziel, Zeit und Weg entscheidet nach wie vor der Mensch.
  • Menschen sind dazu veranlagt, ihre Fähigkeiten ständig auszubauen und zu verstärken, z. B. um besser sehen zu können, wurde das Fernglas erfunden, um sich bewegen zu können Auto oder Bahn.
  • Der Digitalisierungsprozess entbindet nicht von der Frage: Was ist gut, was ist böse? Was ist richtig, was ist falsch? Die Entscheidungshoheit darüber liegt beim Menschen. Ein Computer bzw. Roboter besitzt keine moralische Urteilskraft.
  • Die E-Mobilität erfordert eine gravierende Umstellung in der Automobilindustrie. Ein großer Teil bisheriger Arbeitsvorgänge und Arbeitsplätze, auch in der Zulieferbranche, wird künftig entfallen. Auf dem Weltmarkt sei ohnehin nur noch die Elektromobilität vermarktbar.
  • Es wird auf die Spannung hingewiesen, dass einerseits der Prozess der Digitalisierung unaufhaltsam fortschreitet, gleichzeitig aber zu wenig digitales Wissen zur Verfügung steht. Nötig ist die Vermittlung digitaler Kompetenz.
  • Die Frage wird sein, wo langfristig Innovationen herkommen. Der immer stärkere Innovationsdruck wird im Laufe der Jahre insbesondere älter werdende Arbeitnehmer belasten.
  • Es wird die Sorge geäußert, dass mit zunehmender Digitalisierung der Arbeitsprozesse die Kontrolle nicht nur zunimmt, sondern immer weniger durchschaubar wird.
  • Die Grenze der Digitalisierung sollte dort sein, wo ich als Mensch nicht mehr darüber verfügen kann, was geschieht sowie die Folgen nicht mehr abschätzen kann. Als Beispiel werden nicht mehr vom Menschen gesteuerte Waffensysteme genannt.
  • Die Digitalisierung bietet viele Möglichkeiten, Arbeitsprozesse zu erleichtern und Lebenssituationen zu verbessern. Die Frage ist aber, wie weit wollen wir gehen? Wo sehen wir die Grenze? Es gilt, das ‚Humanum’ im Blick zu behalten. Sinnvoll und möglich soll sein, was dem Menschen dient.
  • Die Frage ist allerdings auch, wie weit die Gestaltungskraft der Politik reicht. Denn technologischer Fortschritt wird nicht auf demokratischem Wege erzeugt, sondern von kommerziellen Unternehmen. Diese bekämen große Macht und Kontrolle allein schon dadurch, dass sie Massen von Daten speichern können. Die Gefahr besteht, dass digitale Supermächte entstehen, denen egal ist, wer unter ihnen Bundeskanzler ist. Zuweilen entsteht der Eindruck, dass trotz des rasant voranschreitenden Digitalisierungsprozesses in der Arbeitswelt nach wir vor gilt: Wir dekorieren auf der Titanic die Liegestühle um, als dass zukunftsfähige Strategien entwickelt werden. (vgl. David Precht)
  • Die Politik muss daher mehr als bisher ihre Verantwortung verlässlicher und nachhaltiger wahrnehmen und mehr Gestaltungskraft zeigen. Dazu gehören Rahmenvorgaben hinsichtlich Sicherheit, Transparenz, Kommunikationsregeln sowie der Steuerung und Kontrolle, um auch künftig demokratische Strukturen und Prozesse zu gewährleisten.

 

Rottenburg, 31.07.2019

Karl Schneiderhan