Förderverein Stadtbibliothek Rottenburg

31.03.2020: Sind wir eine Republik der Angst - Das Buch von Frank Biss: Republik der Angst

Vorbemerkung:  Leider ist diese Veranstaltung coronabedingt ausgefallen. Herr Dr. Hans-Ullrich Brändle hatte dankenswerter Weise die Aufgabe übernommen, den Impuls zu diesem Thema vorzubereiten. Als er damit fertig war, brach die Corona-Krise mit voller Kraft über uns herein und die Veranstaltung musste abgesagt werden. Wir möchten nun seinen Impuls auf diesem Wege veröffentlichen und Herrn Dr. Brändle ganz herzlich für seine Arbeit danken.

 

Keine „Republik der Besonnenheit“ in der globalisierten Welt der Ungleichheit und Pandemie?

 

Ein Diskussionsimpuls von Hans-Ullrich Brändle vom 31.03.2020

zum Buch von Frank Biess: „Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik“, 2019, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt), 614 Seiten, 22 €, (auf der Shortliste für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019)

Haben Sie in letzter Zeit einmal „Angst“ verspürt? Im schönsten Frühling kommt mir die Todesgefahr unwirklich vor, die „Jedermann“ entgegengerufen wird: CoVid-19, jeden Morgen mit neuen Schreckenszahlen! Wir nehmen die Bedrohung sehr ernst und bleiben zurecht möglichst zuhause. Viel zu lange ist die Pandemie in vielen Staaten von höchsten Stellen verharmlost und Vorsorge vernachlässigt worden. Auch die Verfasstheit der Europäischen Union, mit einer Ärztin an ihrer Spitze, ist in diesem Zusammenhang enttäuschend.

Wer jetzt (finanziell) besser gestellt ist, zieht sich ins Homeoffice zurück, und entscheidet wo-möglich von dort aus, wer welches Risiko zu tragen hat. Die beruflich an vorderster Front Exponierten trifft die Ungleichheit unmittelbar. Existenzängste sind keine Seltenheit mehr.

„Eine Krise trifft diejenigen am stärksten, die am schwächsten sind. (…) Es wird zwar Rücksicht auf die Immunschwachen genommen, aber zu wenig auf die Einkommensschwachen geschaut.“ (Christoph Butterwegge, zitiert nach Süddeutsche Zeitung, online, vom 29.03.2020: „Viele stehen nun am Abgrund“).

Die Katastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986 dient dem „im Schwäbischen Wald“ aufgewachsenen Autor und Professor für Europäische Geschichte an der University of California, Frank Biess (*1966), als Beispiel einer „apokalyptischen Angst“. Die Corona-Pandemie und ihre Angst-geschichte konnte er noch nicht berücksichtigt haben.

Wenn der Leser dennoch Vergleiche ziehen will, ließe sich auf den ersten Blick feststellen: Wie in den Achtzigern sind es die „Systemrelevanten“, finanziell erheblich schlechter gestellten, die an den Brennpunkten trotz spärlicher Schutzkleidung arbeiten. An vorderster Front stehen Kassierer*innen im Supermarkt, Wachpersonal, Polizist*innen, Reinigungs-personal, Pflegekräfte und Ärzte um nur einige zu nennen. Längst ist von „Front“ und von „Krieg“ und „Bekämpfung“ die Rede. Vor allem Männer ab 50 Jahren, Alte über 80 Jahren, Kranke und Menschen mit Behinderungen, aber auch Säuglinge und Kleinkinder sollen heute das höhere Sterberisiko zu tragen haben. Auch die große Zahl Wohnungsloser rückt nun diesbezüglich ins Blickfeld: Wanderarbeiter, Obdachlose und Straßenkinder. Endlich werden auch jene gesehen, wie die auf Schwarzarbeit Angewiesenen, Altersarme, rasch kündbare Leiharbeiter, Midi- und Minijobber ohne Arbeitszeitregelung (werden einfach nicht mehr zur Arbeit eingeteilt), befristet Beschäftigte, Altersarme, Soloselbständige und „freelancer“, Alleinerziehende (Zwei Drittel konnten sich laut Bericht des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2016 keine unerwarteten Ausgaben von mehr als 985 Euro leisten), wohnsitzlose Familien. Wenngleich die vermeintlich besser Gefeiten der Forderung nach einer überstürzten „Herdenimmunisierung“ gelassen entgegen zu treten scheinen, könnte man meinen, dass sie zuvorderst wirtschaftliche Interessen durch den von ihnen angefachten Diskurs zum raschen „Exit“ aus dem möglichst kurzbefristetem „Lock-down“-Prozess besser gewahrt sehen möchten, das Risiko eines Rebound-Effekts außer acht lassend. Wie einst suchen die meisten Deutschen auf ähnlich „primitive“ Weise (Leuzinger-Bohleber in der Sendung „Scobel“, vom 19.03.2020) selbstwirksamen Schutz, sei es mit Verleugnung der Gefahr oder vorsorglichem Horten, diesmal von Süßigkeiten, Papier, Mineralwasser, Mehl etc.. Trotz aller Fronten könnte sich in diesem (Klo-Papier-)Minimalkonsens ein „Wir-Gefühl“ entwickeln, in einer „Zeit in der Ellenbogengesellschaft kein Schimpfwort mehr ist“ (Abdelkarim, Anstalt ZDF v. 24.03.2020): „Es geht um den sozialen Kitt, der unser Zusammenleben überhaupt ermöglicht.“ Mit längerer Dauer der Krise „könnte den Menschen nicht nur das Einkommen und die Wohnung fehlen, sondern auch die Hoffnung und das Vertrauen in den Staat.“ Enttäuschung und Wut auf die Politik sehen Armutsforscher wieder steigen, sollten viele Menschen weiter abrutschen. (Aufruf zitiert nach Süddeutsche Zeitung, online, vom 29.03.2020) „Je höher die berufliche Position einer Person beziehungsweise deren sozialer Status, um so leichter fällt es ihr, von zuhause zu arbeiten.“ (Christoph Butterwegge, zitiert nach Süddeutsche Zeitung, online, vom 29.03.2020: „Viele stehen nun am Abgrund“). „Auch auf Vorrat zu kaufen, muss man sich erst mal leisten können!“ (Wolfgang Stadler, Vorsitzender des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt, zitiert nach Süddeutsche Zeitung, online, vom 29.03.2020: „Viele stehen nun am Abgrund“). „Das ist aus der Armutsforschung bekannt: Wer ohnehin schwierige Umstände hat, verfügt über weniger ökonomische und soziale Resilienz.“ (zitiert nach Süddeutsche Zeitung, online, vom 29.03.2020 s.o.). Menschen im Niedriglohnsektor haben oft kein großes soziales Netz, deshalb weniger Ressourcen, um beispielsweise Rechtsansprüche durchzusetzen: „Sozial Benachteiligte sind viel mehr als Bessersituierte auf Institutionen angewiesen, die für sie Dienstleistungen erbringen.“ (Christoph Butterwegge, zitiert nach Süddeutsche Zeitung, online, vom 29.03.2020: „Viele stehen nun am Abgrund“)

Tschernobyl habe dem Buch des Soziologen Ulrich Beck (Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt 1986) damals unmittelbare Plausibilität verliehen. Seine zuvor entworfene Theorie der Risikogesellschaft habe Beck in einer neuen Phase der „reflexiven Modernisierung“ weiter entwickelt gesehen. In dieser „Moderne“, so postuliere er, folge „gesellschaftliche Ungleichheit nicht nur aus traditionellen Faktoren der Klassengesellschaft wie ´arm` und ´reich`(...), sondern aus der Verteilung von Risiken, die Klassengrenzen überschritten. Diese Risiken sind nicht wahrnehmbar, sondern müssen über wissenschaftliche Expertise antizipiert werden“. Darauf verweist Frank Biess (S. 409), wenn er einer vermeintlich überzeitlichen theoretischen Gesellschaftsdiagnose wie der „Risikogesellschaft“ seine zeitgeschichtliche Historisierung gegenüberstellt. Wie Beck sucht Biess eine Angstgeschichte der Bundesrepublik in der Entwicklung von gemeinsamer Not zur gemeinsamen Angst zu erfassen. Biess beschäftigt sich aber darüber hinaus mit der politischen Stoßrichtung einer angstgetriebenen Politik. Denn nicht eine allgemeine Theorie der Moderne sei aus dem besonderen historischen und nationalen Kontext heraus zu lesen gewesen, sondern, dass „die angstbesetzte Antizipation der Zukunft ein durchgängiges und wesentliches Element der Bundesrepublik war. So sei Becks soziologische Gesellschaftsdiagnose eben „ein Produkt der in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte virulenten (!) Unsicherheiten“ gewesen.

„Was ist der Mensch“ (?), möchte man mit Kant fragen. Und mit Cicero „Cui bon ?“ Ist „politisierte Angst“ heilsam und für wen? Lassen sich gesellschaftliche und transnationale (z. B. Schweden, Korea oder USA) Ungleichheiten insgesamt, nicht nur die der Risiken, im Brennglas der „Corona-Krise“ heute klarer sehen?

Die Angstgeschichte der Bundesrepublik, insbesondere der apokalyptischen Ängste der achtziger Jahre, kann sich im vorliegenden Impulsreferat nur eingeschränkt auf den inzwischen gesamtdeutschen historischen Kontext beziehen. Denn mit der prospektiven Frage, wie die Erinnerungen speziell nur der Westdeutschen ihre Erwartungen an die Zukunft prägten, führt Frank Biess primär deren Emotionsäußerungen auf „emotionale Regime“ zurück, bewertet also nicht im Rückblick die Berechtigung dieser Ängste und setzt auch nicht jene der Ostdeutschen dagegen; er beschränkt sich also auf die prägende Rolle der westdeutschen Angstkultur für die Entwicklung der Bundesrepublik bis zur Wende und ihre Kontinuitätslinien in der „Berliner Republik“. Den analogen Entwurf für die ostdeutschen „Zukunftserinnerungen“ bleibt der Autor an dieser Stelle schuldig. Denn Angst habe in einer sich liberalisierenden und demokratisierenden Gesellschaft grundsätzlich eine andere Rolle gespielt, als in einem autoritären System.

Für diese „Berliner Republik“ steht nun seit beinahe der Hälfte ihres Bestehens A. Merkel als Bundeskanzlerin. Sie hat Solidarität in ihrer Fernsehansprache am 18.03.2020 angemahnt, für „die größte Herausforderung seit dem Zweiten Welt-krieg“, und zwar unter dem Aspekt einer „historischen Verantwortung“, deren Geschichte Frank Biess in seinem Buch skiz-ziert hat, wenngleich nur in Teilaspekten.

Der Zusammenbruch von alten Gewissheiten sei seit 1945 für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland prägend gewesen. Diese und des Autors daraus entwickelten Thesen ließen sich aus „virulenten Unsicherheiten“ bis in das Jahr 2020 als Menetekel fortschreiben, wenn unsere voraus schauende Sicht mit Blick auf frühere (Weltwirtschafts-)Krisen der Zwischen- und Nachkriegszeiten des vergangenen Jahrhunderts gefragt wäre.

Analoge Erfahrungen in dieser Weise zu erinnern, das hieße aber zu erwarten, dass wir aktuell wieder eine unsichere Zukunft (durch eine als anhaltend gefährlich vorausgesagte Viruspandemie) als Bild einer Weltwirtschaftskrise erahnen könnten und mit nationalistischer Abschottung auf immer breiterer Front zu rechnen hätten, Deglobalisierung und wirtschaftliche Rezession inbegriffen. Vor diesem Hintergrund könnte die „größte Gefahr für Deutschland“, die der Bundesinnenminister Seehofer unlängst, nach den Anschlägen von Halle und Hanau, noch im Rechtsradikalismus erkannt glaubte, völlig in den Hintergrund geraten. Geht aus „innerer“ und „äußerer“ („Chinesischer Virus“ laut Trump) Bedrohung wieder ein „Ruck durch die Gesellschaft“, blüht uns womöglich unter einem „starken Mann“ ihr kollektives (insbesondere auch wirtschaftliches) „Heil“? Wiederholt sich Geschichte? Und hatte uns nicht die junge Philosophin, Greta Thunberg, aus Besonnenheit in drohender Klimakatastrophe „Panik“ verordnet? „Empört Euch!“ (Stéphane Hessel, Empört Euch! Übersetzt von Michael Kogon. Ullstein, Berlin 2011) How dare You? Oder sollten wir jetzt all unsere Sorgen unter dem neu für die Corona-Krise gemünzten Begriff „Vernunftpanik“ (Sascha Lobo) als hysterisch übersteigert abtuen?

Um das Fazit des Buches von Frank Biess vorwegzunehmen: „Angst und Demokratie blieben in der Bundesrepublik nach 1945 auf vielfältige Weise verbunden. Doch die historische Erfahrung eines weitgehenden Ausbleibens einer imaginierten katastrophalen Zukunft kann heute kaum mehr handlungsleitend sein. Lieber sollten wir uns gut überlegen, wovor wir uns ängstigen wollen. Denn diese Ängste könnten in der Tat die Zukunft verhindern, die sie imaginieren.“ (S.464). 

Haben wir die Wahl? In dreierlei Hinsicht denke ich: nein! Die Klimakatastrophe wird unsere Existenz infrage stellen. Sollten wir uns nicht solange vorsätzlich vor der krassen Ungleichheit in dieser Republik fürchten und müsste uns rechtspopulistischer Solutionismus und neofaschistischer Hass nicht vielmehr ängstigen?

Westdeutsche Geschichte aus kollektiven „Angstzyklen“ neu zu erzählen, kann in Zeiten beschleunigter Wechsel dieser Ängste als hilfreiche Bühne dienen, um deren Requisiten zu definieren. Den dominierenden historiographischen Leitvorstellungen für die Geschichte der Bundesrepublik - „Amerikanisierung“, „Westorientierung“, „Liberalisierung“ und „Demokratisierung“- stellt Biess aber mit dieser Emotionsgeschichte eine weitere idealistische Geschichtsschreibung zur Seite, gemäß der Geschichtsauffassung Georg Friedrich Hegels, für den noch der Geist bzw. die Ideen und ihr Denken die Geschichte bewirkte.

Ergebnisse des von Biess verwendeten empirischen Ausgangsmaterials (jährliche R+V-Umfragen seit 1992 zur Angst in Deutschland) hätten zwar eine materialistische Anschauung der Geschichte ebenso gerechtfertigt. Dieser Sichtweise hat sich der Autor aber ohne Umschweife entzogen, unter zu Hilfenahme umfangreicher Zitate bundesdeutscher Angstäußerungen seit Anfängen der Republik, die er aus der sozialwissenschaftlichen Literatur und anhand von Beispielsammlungen in 10 Jahren akribisch erfasst hat.

Somit basiert das Buch auf einer Reihe von empirischen Fallstudien zu spezifischen Angstzyklen in der Bundesrepublik (Vergeltungsangst, moralische Angst, Kriegsangst, Angst vor Modernisierung und Automatisierung, Angst um die Demokratie, Angst vor der Revolution, allgegenwärtige Angst, apokalyptische Angst) von den Vierzigern bis in die achtziger Jahre. Ein Epilog behandelt die (Dis-)-Kontinuität der Angstgeschichte in der Berliner Republik nach der Wende 1989/90 bis heute und ihre Implikation für die Gegenwart. 

Am Beispiel der AfD wird im Epilog vielfältiges Anschauungsmaterial für politischen Umgang mit Angst im deutschen Rechtspopulismus angeführt. Biess hat daraus Thesen zur emotionalen Wirkmächtigkeit des Rechtspopulismus und zur demokratischen Gegenwehr entwickelt, für die er historischen Bezug auf die herausgearbeiteten Angstzyklen westdeutscher Vergangenheit herstellt. Die Kombination aus Finanz- und Eurokrise sei deshalb so gefährlich geworden, weil sie sich schon länger (Mitte´90) als anhaltende Abstiegsangst, insbesondere in der Mittelschicht gehalten habe. Neue Zukunftsungewissheit sei hinzu gekommen: Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen und Angst vor Arbeitsplatzverlust, drohender sozialer Abstieg durch jahrzehntelang sinkende Realeinkommen, steigende Mieten und wachsende Unsicherheit über notwendige Bildungsstandards habe (wieder) für „Panik im Mittelstand“ (Begriff von Theodor Geiger aus der Weimarer Republik) sensibilisierbar gemacht. Dazu korrespondierend habe seit 2008 die Wahrnehmung eines Kontrollverlusts des Nationalstaates gestanden. Dieser habe der milliardenschweren Staaten- und Banken-rettung, unter der realen und wahrgenommenen Einschränkung des sozialen Netzes, als wachsende eigene Unsicherheit gegenüber gestanden und strukturelle Vorbedingungen für den Aufstieg eines neuen Rechtspopulismus geboten, wie er sich in Deutschland vor allem in der Gründung der „Alternative für Deutschland (AfD)“ manifestierte.

Gestützt auf vorherrschende Wahlanalysen, die öffentlichen Medien zu entnehmen sind, geht auch Biess aber davon aus, dass finanzielle Not für das Handeln rechtsextremer Anhänger nicht in erster Linie als motivationsbildend angenommen werden muss.

Um so mehr, als F. Biess die Dialektik der Gefühlswelten, links wie rechts, nachverfolgt hat, werfen seine Thesen zur „rechten Angst“ Fragen auf, die es zu diskutieren gilt:

  1.  Rechtspopulismus sei eine Angstbewegung vor dem Hintergrund eines katastrophischen Erwartungshorizontes. Das ließe sich auch in anderen Nationen aufzeigen (Trumpwahl, Brexit).
  2. Die Strategie der AfD bestehe seit der „Flüchtlingskrise“ 2015 verstärkt in der „Kulturalisierung des Sozialen“ (Wilhelm Heitmeyer), also der Verschiebung von sozialen und ökonomischen Ängsten auf ein kulturelles Niedergangsszenario.
  3. Wie im 1945 fortgeleiteten „Dispositiv für das Andere“ in Person des Werbers für die Fremdenlegion und der Angst vor Kommunisten oder Sympathisanten, seien alte Ängste nun wieder ethnisiert worden.
  4. Die Rolle des für die Konstruktion einer deutschen oder völkischen Identität notwendigen <<Anderen>> werde dem Islam zugeschrieben. Zum (rassistischen) Angstszenario gehöre der „Unwille zu jeglicher Differenzierung“, sodass letztlich jede muslimische Person unter den Generalverdacht des Terrorismus gestellt werde.
  5. Ängste seien immer in Verbindung mit einer sich wandelnden Erinnerungskultur gestanden (zentrale These für das gesamte Buch): Der Rechtspopulismus fördere in ganz Europa einerseits den Niedergang des antifaschistischen Konsenses der Nachkriegszeit, der durch zeitliche Distanz mürbe sei. Andererseits erschwere die Holocaust-Erinnerung die Wahrnehmung anderer Formen des Rassismus, z.B. alltägliche Formen der Ausgrenzung.
  6. Der Aufstieg des Rechtspopulismus als Angstbewegung beinhalte auch eine Transformation der westdeutschen Gefühlskultur.
  7. „Diese Dialektik linker und rechter Ängste, die während der alten Bundesrepublik aufeinander bezogen blieben und sich wechselseitig verstärkten, hat sich quasi umgekehrt (S.443).“

Sowohl im Alleinstellungsmerkmal der ausschließlichen Fixierung auf Migration und Islam, als auch im Bruch mit der traditionellen konservativen Angstpolitik setze sich der Rechtspopulismus weniger die Verteidigung der Autorität des Staates zum Ziel, als dass er staatliche Autorität per se in Frage stelle. Gleichzeitig reagiere die AfD auf einen weitreichenden Vertrauensverlust der Politik und der staatlichen Eliten, wie sie diesen ebenso zugleich weiter stimuliere. Enttäuschung über die nicht eingelösten Versprechen der „Wiedervereinigung“ habe jene „Halbdistanz“ zum Staat geschaffen, von der nun die Agitation von AfD und Pegida gegen die „Systempolitiker“ profitiere. Siehe hierzu auch als Beispiel: https://kenfm.de/me-myself-and-media-56/ und die zugehörige home-page KenFM.de .

Kontinuität linker Protestbewegungen im heutigen Rechtspopulismus zeige sich in einer Strategie der gezielten Provokation von staatlichen Autoritäten und in der Konversion einiger Alt-68er (S.444) von links nach rechts (z.B.: Frank Böckelmann, Bernd Rabehl, Horst Mahler. Zu ergänzen wären K.-R. Röhl, Jürgen Elsässer).

  1. Der Bereich von Geschlechterordnung und Sexualität werde als zentraler Beleg für Unvereinbarkeit des Islam mit westlicher Welt im islamophoben Diskurs der Gegenwart verwendet.
  2. Ein Bürgerkrieg werde von rechten „Panikmachern“ propagiert. (S. 446)
  3. Unterscheidungen zwischen linken und rechten Ängsten sei angebracht, trotz aller emotions-historischen Kontinuitäten.
  4. Gewalt erscheine historisch immer auch als Kompensation für die Beschädigung des männlichen Subjekts (Bezug auf Klaus Theweleit), das sich unter der Konstellation eines „brüchigen Ichs“ (Begriff von Heinz Budde) fürchtet, in einer immer schwerer durchschaubaren Welt abgehängt zu werden.“ (S.448).
  5. Stabilisierung fragiler weißer Männlichkeit werde angestrebt durch Kritik an der „Gender-Ideologie“, Verteidigung der „natürlichen Geschlechterpolarität“ als Kernpunkt des AfD-Programms („natürlich nur, solange es sich nicht um muslimische Familien handelt- dort ist das Bestehen auf ´Geschlechterpolarität` Indiz des Andersseins!“) und Idealisierung einer neuen „Männlichkeit und Wehrhaftigkeit“ (von Björn Höcke). Mittlerweile (2018) habe sich in Ostdeutschland fast jeder Dritte Mann durch Wahlen zu einer islamophoben und rassistischen Partei bekannt, „die sich die Gründung einer anderen Republik auf die Fahnen geschrieben hat“ (S. 449).

Anmerkungen (H.-U. B.) zur Theweleit-These, dass Gewalt immer auch als eine Beschädigung des männlichen Subjekts erscheine: von den vier gewaltbereiten, rechtsextremen Gruppen, die im Internet Frauenhass verbreiten ( u.a. „Men`s Rights Activists“, „Men Going Their Own Way“, „Pick Up Artists“) soll die Gruppe „Involuntary Celibates“ die radikalste sein. Die Gruppe der „unfreiwillig Enthaltsamen“ wolle sich für den gesellschaftlichen Aufstieg der Frauen rächen, auch mit Gewalt. Der Attentäter von Hanau, Tobias R., schreibt u.a. in seinem 20-seitigen Manifest: „Der Feminismus ist schuld an der sinkenden Geburtenrate im Westen, die die Ursache für die Massenimmigration ist. Und die Wurzel dieser Probleme ist der Jude.“ Auf der Suche nach „der Besten“ habe er noch nie eine Freundin gehabt. Der Norweger Anders Breivik hatte 2011 auf Utoya gezielt Jagd auf junge Frauen gemacht und sich antifeministisch geäußert.

  1. Die Anfälligkeit der Ostdeutschen für autoritäre Vorstellungen sei keine Folgewirkung der DDR-Zeit, sondern ein Resultat der Nach-Wende-Zeit: die emotionale Gemeinschaft kompensiere dort das individuelle Scheitern, wo „man“ die Anerkennung und das Bewusstsein erhalte, Teil eines höherwertigen Kollektivs zu sein, das einem im normalen Leben oft versagt bliebe.
  2. Rechtspopulismus ist ein globales Phänomen das sich (am Beispiel von Brexit und Wahl Trumps) auf ähnlichen Entstehungsfaktoren gründe: Unbehagen an der Globalisierung, Angst vor Strukturwandel und sozialem Abstieg, Ablehnung von Migration und Mobilisierung gegen das jeweilige „Andere“.
  3. Neben Unbehagen an der Globalisierung, Angst vor Strukturwandel und sozialem Abstieg, Ablehnung von Migration und „Mobilisierung gegen das jeweilige ´Andere`“, findet der Autor drei spezifische Antworten auf seine Frage, „Wie ´deutsch` waren die deutschen Ängste nach 1945? (S.450)“:
  4. Ihre Angstneigung habe sich aus einer spezifischen Verschränkung von Erinnerung und Zukunftserwartung ergeben, als sie nach der „nationalspezifischen Katastrophe“ von Krieg, Faschismus und Holocaust in die Zukunft einen Erfahrungsraum projiziert hätten, der die Deutschen immer wieder am Erfolg der westdeutschen Demokratie zweifeln lassen habe.

Von der aktivistischen Betonung auf Kampf, Hass und Gewalt in der Zwischenkriegszeit habe sich die Emotionalität nach 1945 zu einer „eher passiven Kultivierung von Leid und Opferstatus“ als Selbstviktimisierung prospektiv geweitet, „im Sinne eines drohenden Zukunftsschicksals.

In Kontinuität zur „Dramatisierung der Politik“ nach dem Ersten Weltkrieg und mittels damals neuer Form der Emotionalität in der Politik, hätten sich hier die aktuellen, auch andernorts viel diskutierten Ängste (Krieg, Automatisierung, Umweltzerstörung), trotz der katastrophischen, deutschen Vergangenheit, wieder zur einstigen neuen Form der emotionalen Vergemeinschaftung zurück gewendet, „die sich auf die Abgrenzung von einem inneren Feind gründete.“ (S.451). Wechselnde Bilder des „Anderen“ nach 1945 (DP´s, Werber, Kommunisten, Sympathisanten, Asylbewerber, Muslime) hätten so auch Elemente des traditionellen Feindbildes des Juden aus der Zeit vor 1945 integriert. Als zeitbedingte, historisierte Vorstellung sei „German Angst“ (S.451) keine Kollektivpathologie „Vielmehr diente deren Konstruktion als eine solche meist konservativen politischen Interessen und erinnerungskulturellen Zielen.“

Im spezifischen Kontext der achtziger und neunziger Jahre sei das „Konstrukt der German Angst“ entstanden, habe zunächst als rhetorisches Mittel zur Kritik pazifistischer und fortschritts-kritischer Positionen gedient, nach 2000 aber auch als Ausdruck einer spezifischen und über Generationen vererbten Traumatisierung im Zweiten Weltkrieg. Deutscher Rechtspopulismus stehe nicht nur in Kontinuität zur emotionalen Politik der Zwischenkriegszeit, sondern in einem ambivalenten Verhältnis zur etablierten Erinnerungskultur, indem er von deren Leerstellen und Defiziten auch profitierte.

 Angstkultur des gegenwärtigen Rechtspopulismus stehe dabei in Kontinuität zu den spezifischen deutschen Angstvorstellungen, reflektiere gleichzeitig ein breiteres transnationales Phänomen und profitiere von einer gewandelten Gefühlskultur, die den öffentlichen Ausdruck von Emotionen ermögliche oder gar fördere, sei aber transformiert in Kultivierung von Ressentiments und Hass gegenüber vermeintlichen inneren Feinden.

Sowohl den Schutz des üblichen Alltagsrassismus gegenüber Einwanderern und Migranten, als auch die Strategie der gezielten Provokationen teile er als deutsche Variante eines übernationalen Phänomens, mit ähnlichen Bewegungen in Europa und USA. (S.452)  

 

Fragen an den Autor und uns:

Wäre es ausreichend, ein sozialökonomisches Geschichtsbild der jüngsten politischen Entwicklungen in Deutschland seiner idealistischen Angstgeschichte an die Seite, oder besser gegenüber zu stellen, oder sieht er eine materialistische Angstgeschichte als obsolet an? Wo bleibt die Angstgeschichte der deutschen und nicht eingebürgerten Bewohner mit Migrationshintergrund, der prekär Beschäftigten, Leiharbeiter oder der Altersarmen? Müsste nicht eher eine gesamtdeutsche Emotionsgeschichte entworfen werden, um der erstarrten Erinnerungskultur Leerstellen und Defizite (Alltagsrassismus) zukünftig zu ersparen? Ließe die These des Autors in uns Erkenntnis reifen, wonach sich Ängste im linken und rechten Spektrum dialektisch zueinander verhielten, dann könnten wir somit gemeinsame Angst um die Demokratie („Demokratische Angst“) fruchtbar entwickeln und diese Dialektik historisch materialistisch aufheben?

Sein Buch beziehe sich nur auf die Mehrheitsgesellschaft; aber: „Eine komplettere Angstgeschichte der Bundesrepublik, (...), müsste auch den Ängsten dieser tatsächlichen und potenziellen Opfer rassistischer Gewalt gerecht werden. Denn wessen Ängste öffentlich wahrgenommen und als politisch relevant betrachtet werden, ist eine Frage gesellschaftlicher und politischer Macht.“ (Zitat S. 428).

Aus seinem Geschichtsverständnis rät uns der Autor zu einer „Demokratischen Gefühlspolitik“:

 

1. Der Autor fordert die Kultivierung demokratischer Ängste zur Abwehr der vom Rechtspopulismus vertretenen und propagierten Angstpolitik (der Enthemmung von offen rassistischen Ängsten).

Angst stehe keinesfalls immer im Gegensatz zur Demokratie. Denn die Angstgeschichte der alten Bundesrepublik belege, dass „gerade die permanente Angst vor dem Zurückfallen in einen neuen Autoritarismus eine der Grundbedingungen der Demokratisierung in der Nachkriegszeit“ (S.454) gewesen sei. Mit der breiten expressiven Gefühlskultur aber, die sich seit den sechziger Jahren in der Bundesrepublik (nach den emotionspolitischen Exzessen der Zwischenkriegsjahre und dem Nationalsozialismus wieder) durchsetzte – erst unter den Eliten, dann in den sozialen Bewegungen, schließlich in der Gesellschaft als Ganzes – sei ein weiterer „Enthemmungsschritt bei der Artikulation offen rassistischer Ängste während des letzten Jahrzehnts“ bis hin zu Th. Sarrazins Buch („Deutschland schafft sich ab“; 2010) gemacht worden.

 

2. Ängste ernst zu nehmen bedeute, „gleichzeitig aber deren Transformation in Ressentiment und Hass bekämpfen.“  (S. 453)

Angenommen, dass der radikale Gegensatz von Gefühl und Verstand ohnehin falsch sei, dann könne man nicht den Rechts-populismus ausschließlich durch rationale Aufklärung bekämpfen, sondern müsse Angst, Wut und Hass auch auf der Gefühls-ebene begegnen.

 

3. Mobilisierung konkurrierender Ängste diene auch der Angsteindämmung (n. Adenauer).

Demokratische Ängste seien gegen den Verlust der liberalen Demokratie und der pluralistischen Gesellschaft durchaus als wichtiger Bestandteil einer Verteidigung der Demokratie zu verstehen. Ohne in „fehlgeleitete Tyrannophobia“ oder „Recycling eines endlosen Faschismus-Vorwurfes“ auszuarten, könne demokratische Angst „die Gefahr eines neuen Autoritarismus genau benennen, einschließlich der wichtigen Unterschiede zum Faschismus“ (S.454) und stehe so „in der Konkurrenz der Gefühle um mediale Aufmerksamkeit“, wenn es um die breiter gefächerte Sorge um den Fortbestand demokratischer Institutionen gehe.

 

4. Diese Sorge um die Demokratie stehe nicht im Gegensatz zu der Erkenntnis, dass wachsende soziale Ungleichheit mit liberaler Demokratie nicht vereinbar ist. „Vielmehr muss die Verteidigung demokratischer Institutionen einhergehen mit wirtschaftlichen Perspektiven und sozialer Absicherung, vor allem für junge Menschen. (S. 454)“

 

5. Welche Erinnerung wäre für die Mobilisierung demokratischer Ängste produktiv? Markierung alltäglicher Formen des Rassismus sei mit der Erinnerung an den Holocaust zu verbinden, ohne Holocaust-Erinnerung zu pflegen, die zu sehr auf Singularität und nationale Spezifik beharre und „sich in zunehmend leeren Ritualen oder monumentalen Denkmälern manifestiert“ (S.454/455).

Also sollte der Fokus nicht nur auf das „singuläre“ Endziel des Holocausts in Auschwitz und Treblinka, sondern auf Formen alltäglicher Diskriminierung und Ausgrenzung schon in der 1930er Jahren (z.B. Gedenktafeln im Bayrischen Viertel in Berlin) gerichtet sein. Mögliche Konsequenzen der „Absage an Differenz und der damit einhergehenden Sehnsucht nach ethnischer Homogenität (S.455)“ müssten vor Augen geführt werden.

 

6. Zu fordern sei eine breitere öffentliche Diskussion über Formen von kolonialem Rassismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die sich auf Vorstellungen zivilisatorischer Überlegenheit und fundamentaler Andersartigkeit gründeten. Bewusstsein für die länger zurückreichende Geschichte von Rassismus und Ausgrenzung zu erhalten, sei notwendig. Nicht umsonst wehre sich die AfD gegen die postkoloniale Aufarbeitung der Deutschen Geschichte, wie etwa in den Berliner Museen.

 

7. Ein neues Vertrauen in demokratische Prozesse könne ein Produkt demokratischer Ängste werden (z.B. in USA die „Indivisible“-Bewegung stimulierte eine intensivere Form demokratischer Partizipation auf lokaler Ebene, in Reaktion auf die Trump-Wahl und die Angst vor dem Verlust demokratischer Freiheiten).

Gefühle wie Vertrauen und Liebe könnten angsteindämmend wirken. Fehlendes Vertrauen in die Politik besage, dass der politischen Klasse misstraut und ihr die Lösung der drängenden Probleme nicht mehr zugetraut werde. Für direkte Demokratie und Beteiligung des (eines ethnisch homogenen) Volkes sei ironischerweise der Rechtspopulismus. Für repräsentative Demokratie werben die etablierten Parteien.

 

8. Dem Ohnmachtsgefühl, „ohnehin nichts machen zu können“ müsse nicht mit Angst (oder Wut), sondern mit sicht- und wahrnehmbaren Ergebnissen politischer Partizipation entgegengewirkt werden.

 

9. Empathie sei neben Vertrauen „eine emotionale Ressource zur Eindämmung des Rechtspopulismus“ (S.457).

Zwar sei Mitgefühl eine ambivalente Emotion (n. Friedrich Nietzsche), weil es ein Gefälle zwischen Mitleidendem und seinem Objekt des Mitleids schaffe. „Aber das Gefühl bietet auch die Chance zur Auflösung des abstrakten und kollektiven Anderen, das sonst als Angstobjekt fungiert.(...) Typischerweise ist die AfD gerade dort am stärksten, wo es die wenigsten Ausländer gibt.(...) Angst erscheint somit als Phantasieprodukt, das nicht aus einem intensiven Kontakt mit der Welt, sondern dem Gegenteil resultiert.“ (S. 457)  

 

10. Die Bekämpfung der Angst sei mit Infrastrukturmaßnahmen zu verbinden (Vorschlag des Soziologen Hartmut Rosa).

Dieses fordert auch der Autor, um dem „Gefühl des Abgehängtseins“ im ländlichen Raum entgegenzuwirken. „Denn gerade der <<Ausschluss der Welt>>, so Rosa, führe zu einer <<Versteinerung des Selbst>>, das, so könnte man ergänzen, anfällig für Angst, aber unfähig zur Empathie ist.“ (S.458)

 

11. Ängste resultierten aus neuer Sensibilität, einer veränderten subjektiven Wahrnehmung, seien dem Bereich des Imaginären als Phantasie einer unerwünschten Zukunft entsprungen. Wenn objektive Gegebenheiten unserer Veränderung nicht verfügbar seien, müsse auf der Ebene der subjektiven Wahrnehmung angesetzt werden.

Im historischen Rückblick erschienen Ängste vergänglich, Angstkrisen blieben zyklisch. Der Autor will im gesamten Buch aufgezeigt haben, dass Angstobjekte immer wieder verschoben werden und intensive Angstperioden entstanden und auch wieder abgeflaut seien. Daraus zieht er Schlüsse für die Gegenwart: als Verstärkungsfaktoren sieht F.B. internationale und globale Kontexte, beispielsweise Krieg vs. Entspannung. Er will aber in seinem Buch zeigen, dass Ängste und andere Gefühle in der Bevölkerung nicht nur epiphänomenal gewesen seien, also „quasi natürlicher Ausdruck bestimmter objektiver Gegebenheiten“ (S.458) i.S.e sekundären Produkts sich verändernder Kontexte.

 

12. Durch Entwicklung positiver sozialer und ökonomischer Zukunftsperspektiven, insbesondere für ostdeutsche Männer, könne der Angst vor und dem Hass auf das ethnische und religiöse Andere entgegengewirkt werden. Darüber hinaus wäre die emotionale Erweiterung männlicher Subjektivität im Hinblick auf Mitgefühl, Verständnis und Empathie wichtig. (S.459)

Wenn fragile männliche Subjektivitäten sich für autoritäre Vorstellungen als besonders anfällig erwiesen hätten, wie sich aus Betrachtungen des Autors zur Destabilisierung dominierender Männlichkeiten in der Bundesrepublik ergeben habe, dann müsse nämlich auch die Geschlechterdimension berücksichtigt werden.

 

13. Der öffentliche Nachweis der irrigen Annahmen gegenwärtiger Ängste sei ein Mittel ihrer Eindämmung, „auch wenn Ängste nicht allein durch den Nachweis ihres Unberechtigt-Seins entkräftet werden können“.

„Das Insistieren auf Fakten, Plausibilität und Wahrheit kann Ängste reduzieren, gerade weil die sich oft auf bewusste Leugnung und Manipulation stützen.“ (S.459) Nicht umsonst markierten kritische Journalisten und Medien eine der Hauptzielscheiben rechtspopulistischer und autoritärer Regime.

 

14. Für die Geschichte der bundesrepublikanischen Angstzyklen nach 1945 habe die jeweilige mediale Aufmerksamkeit eine entscheidende Rolle gespielt.

Durch mediale Thematisierung seien Angstobjekte (Legionärs-Werbung, RAF-Sympathisanten, Waldsterben) in den Mittel-punkt der medialen Aufmerksamkeit gerückt worden. Angstzyklen hätten sich daraus nicht willkürlich gebildet. Erst durch mediale Stimulierung tiefergehender sozialer und kultureller Verunsicherung habe sich die „Bedeutungsspirale“ jeweils konkretisiert gehabt, die den in den Medien kolportierten Bedrohungen ihre soziale und politische Resonanz verliehen habe. „Sobald diese Verunsicherungen wieder zurückgingen, so etwa die Angst vor alliierter Vergeltung oder Kriegsangst, verflüchtigte sich auch die mediale Aufmerksamkeit wieder oder wendete sich anderen Angstobjekten zu.“ (S.460)

 

15. Ängste würden produziert und mobilisiert, früher von sozialen Bewegungen, heute vorwiegend vom Rechtspopulismus.

Existierende Ängste würden durch eine spezifische Gefühlspolitik z.B. durch die AfD, verstärkt, „um sie dann in Hass und Ressentiments gegenüber Minderheiten zu transformieren“ (S.460).

 

16. „Die Angstgeschichte der Bundesrepublik verdeutlicht somit auch die Macht des modernen bürokratischen Staates, eine spezifische Gefühlspolitik- sowohl der Mobilisierung als auch der Eindämmung von Emotionen- zu betreiben.“ (S. 460)

Der Staat fungierte eher angsteindämmend, außer beim Antikommunismus, als eine Politik der Angst vom Staat ausgegangen sei.

 

17. „Die gewachsene Bedeutung von Emotionen in der Politik macht es umso wichtiger, dass deren Funktion explizit und kritisch analysiert wird.

Demokratische Gegenbewegungen <<von unten>> sollten die Politik der Angst <<von oben>> kritisieren.“ (S. 461) Ängste, die durch den autoritären Nationalismus meist für autoritäre politische Zwecke geschürt würden, müssten als bewusste Gefühlspolitik zur Mobilisierung von Hass und Ressentiment demaskiert werden.

 

18. (Natur-)wissenschaftliche Autorität sei bis heute „zentral für die gesellschaftliche Bewertung von Ängsten, etwa im Hinblick auf den Klimawandel.“

Dies sei umso mehr gültig, als Ängsten in der modernen Risikogesellschaft keine unabhängige, objektive Existenz zu komme (S. 461). Sozialwissenschaften hätten zwar, insbesondere durch den Aufstieg der Psychowissenschaften, seit den sechziger Jahren eine normgebende Rolle bei der Diagnose und Bewertung von Ängsten erfüllt. Bei der öffentlichen Thematisierung von Ängsten in der Umwelt- und Friedensbewegung in den achtziger Jahren habe aber die wissenschaftliche Gegenexpertise eine entscheidende Rolle gespielt.

 

19. Einem „anti-elitären Impuls“ gegen wissenschaftliche Expertise folgend, werde von Rechtspopulisten „stattdessen das Recht auf eine unvermittelte und vermeintlich authentische Form des Gefühlsausdrucks des Volkes“ beansprucht und ein expressives Gefühlsregime aufgebaut.

Viele der gegenwärtig von Rechtspopulisten formulierten Ängste würden auf einer „Sehnsucht nach einem unmittelbaren Gefühlsausdruck“ gründen, der gerade nicht durch wissenschaftliche Autoritäten vermittelt oder bestätigt, ja sogar von diesen eher kritisiert oder hinterfragt werde (S.462), wie in der Kritik an der Kausalverbindung zwischen sozialer Deklassierung und Zuwanderung.

 

20. Solchermaßen gefühlte interne und externe Bedrohung könne dann die Anwendung staatlicher

Machtmittel zur Einschränkung der demokratischen Kontrolle oder des pluralistischen Meinungsspektrums begründen.

Die Angst vor einer autoritären Wende habe zwar immer auch der Demokratisierung der Bundesrepublik gedient und die demokratische Sensibilität gestärkt. Das Buch habe aber gezeigt, dass Gefühle keine eigenständige politische Bedeutung hätten, vielmehr in Funktion und Signifikanz „radikal kontextabhängig“ seien: „Die Mobilisierung der Angst kann Demokratie unterminieren, indem sie Diskriminierung und Repressalien gegenüber Minderheiten rechtfertigt.“ (S. 462) 

 

21. Die Analyse der Rolle von Angst und Gefühlen in der Geschichte der Bundesrepublik habe gezeigt, dass sich Ängste sowohl der Mobilisierung, als auch der Eindämmung entzögen, weil sie etwas Widerständiges und Eigensinniges hätten und sich nicht immer durch bewusste Manipulation kontrollieren ließen.

„Wir müssen mit ihnen leben, ohne uns völlig von ihnen beherrschen zu lassen. Anders als die Zeitgenossen und -genossinnen in der Bundesrepublik lange vermuteten, kam es oft weniger schlimm als befürchtet.“ (S.462)

 

22. Die spezifische Erfahrung nicht bestätigter Ängste sei nicht nur Ausdruck einer existentiellen menschlichen Grundbefindlichkeit, sondern ein historisches Merkmal der Zeit nach 1945 gewesen.  Diese Geschichte der nicht bestätigten Ängste habe dieses Buch unter den deutlich veränderten Umständen des frühen 21. Jahrhundert zu erzählen versucht.

Die aus der katastrophalen ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts abgeleitete Befürchtungen hätten, in einer Verschränkung von Vergangenheit und Zukunft, die nämliche Zeit erst zum „Nachkrieg“ gemacht, sodass die „immerwährende und sich gleichzeitig verändernde Präsenz einer (solchen) Vergangenheit...die Zukunftsantizipation der Zeitgenossen während der gesamten „Nachkriegs“-Zeit“ geprägt habe. (S. 463).

 

23. „Anhaltspunkte für den heutigen Umgang mit politischen Ängsten“ (S.463) biete die hier vorgelegte Analyse. Aber nicht ins Leere, im Sinne des emotionalen Attentismus („Es wird schon gut gehen“), sollten vermeintliche historische Lehren führen. Denn heutige Phänomene, wie Klimawandel und Globalisierung würden sich von denen der Vergangenheit doch zu sehr unterscheiden. Aber verblassende Erinnerung an die Vergangenheit ermögliche auch die Wiederauferstehung eines neuen Autoritarismus von rechts.

 

24. „Angst und Demokratie blieben in der Bundesrepublik nach 1945 auf vielfältige Weise verbunden. Doch die historische Erfahrung eines weitgehenden Ausbleibens einer imaginierten katastrophalen Zukunft kann heute kaum mehr handlungsleitend sein. Lieber sollten wir uns gut überlegen, wovor wir uns ängstigen wollen. Denn diese Ängste könnten in der Tat die Zukunft verhindern, die sie imaginieren.“ (S.464)

 

Die Zeiten scheinen sich mit dem Corona-Virus geändert zu haben. Wir können die Corona-Krise bewältigen, wenn wir voneinander Abstand halten, aber vor allem solidarisch zusammenstehen. Wenngleich Angstverharmlosung und -verdrängung das Problem ist, wird sich ein kritischer Diskurs zum Gemeinwohl aus diesem Paradoxon ergeben müssen.

 

Widerstehen wir, nicht nur dem Virus!