Förderverein Stadtbibliothek Rottenburg

26.11.2019: "Wir sind das Klima" - Unser Umgang mit der Klimakrise

Impuls: Ulrich Urban

Moderation: Karl Schneiderhan

 

1. Begrüßung

Karl Schneiderhan begrüßt die Anwesenden und bedankt sich für deren Interesse an unserem Thema.

 

2. Impuls von Ulrich Urban

„Wir sind das Klima“ – Unser Umgang mit der Klimakrise

Schaffen wir es, so zu leben als hätten wir nur eine Erde und nicht drei oder vier? Um die Herausforderung, die sich hinter dieser Frage verbirgt zu meistern, brauchen wir einen strukturellen Wandel, um weltweit von fossilen Brennstoffen weg hin zu erneuerbaren Energien zu gehen. Diesen Wandel kann ein Einzelner allein nicht auf den Weg bringen. Die wichtigsten Rahmenbedingungen muss die Politik auf den Weg bringen. Dies erlöst uns aber nicht von unserer individuellen Verantwortung und der Frage, welche Handlungsoptionen jeder Einzelne von uns hat, um den nötigen fundamentalen Wandel in der Struktur unserer Lebensweise zu ändern und zum Beispiel Treibhausgase zu reduzieren.

Ideen und Anreize wie sich der Einzelne seiner Verantwortung stellen kann, werden im Folgenden entlang des Buchs „Wir sind das Klima“ von Jonathan Foer diskutiert. Es ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Verhaltensänderung jedes Einzelnen von uns.

Hintergrund: Klimadiskussion

Bevor wir uns eingehender mit Foers Aussagen beschäftigen, zunächst ein Verweis auf zwei aktuelle Klima-Studien, die Fakten für das Buch verdeutlichen.

 

 1. Studie im Auftrag der Nationalen Akademie der deutschen Wissenschaften vom Juni 2019

Eine Arbeitsgruppe von 15 Wissenschaftlern der bekanntesten deutschsprachigen Forschungsinstitute auf dem Gebiet der Klimaforschung hat im Auftrag der Akademie der deutschen Wissenschaften Leopoldina eine Studie veröffentlicht, in der mit Fokus CO2-Reduktion das Erreichen der Klimaziele 2030 analysiert wurde. https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2019_Stellungnahme_Klimaziele_2030_Final.pdf

Um den absehbaren katastrophalen Folgen für Erd- und Klimasystem durch den Klimawandel zu begegnen, stellen die Wissenschaftler drei zentrale Forderungen, um ein rasches Umsteuern anzugehen:

  • Zentrale Forderung ist die Einführung eines Preises für CO2 über alle Wirtschaftssektoren hinweg: Mehrkosten müssen als Klimadividende an die Konsumenten zurückfließen, Klimaschützendes Verhalten muss zu einem Gewinn führen.
  • Massive Elektrifizierung zur Reduktion des CO2-Ausstoßes: Umstellung auf Hybrid- und Batterie-elektrische Fahrzeuge
  • Verwendung erneuerbarer, intelligenter Lösungen im Gebäudesektor: Wärmepumpen, 2. Isolierungen, Solarpanels und Raumlufttechnische Anlagen.

 

2. Warnung der Weltwissenschaftler vor einem Klimanotfall.

In der Studie ‚World Scientists’ Warning of a Climate Emergency‘ haben 11.000 Wissenschaftler aus aller Welt "unsägliches menschliches Leid" als Folge des Klimawandels vorausgesagt. https://academic.oup.com/bioscience/advance-article/doi/10.1093/biosci/biz088/5610806?searchresult=1

Die Forscher fordern in ihrem Beitrag Veränderungen vor allem in sechs Bereichen:

  • Vollständiger/verstärkter/o.ä. Umstieg auf erneuerbare Energien
  • Reduzierung des Ausstoßes von Stoffen wie Methan und Ruß
  • Besserer Schutz von Ökosystemen wie Wäldern und Mooren
  • Konsum mehr pflanzlicher und weniger tierischer Produkte
  • Veränderung der Weltwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit
  • Eindämmung des weltweiten Bevölkerungswachstums.

Foers Buch ‚Das Klima sind wir‘ bietet dem Leser die Möglichkeit Zugang zu diesen Fragen zu bekommen und sein persönliches Handeln vor diesem Hintergrund zu reflektieren.

 

,Das Klima sind wir‘, Jonathan Foer

Foers Buch lässt sich in zwei große Themenblöcke einordnen:

  • Wie handelt der Mensch angesichts solch gigantischer Herausforderungen wie dem Klimawandel? Wie kommt er von der Erkenntnis um den Klimawandel zum konkreten Tun?
  • Warum sind Ernährungsverhalten der Menschen und die dazugehörige Nutztierhaltung wichtige Stellschrauben zur Bekämpfung des Klimawandels?

 

Zum ersten Punkt: Wie handelt der Mensch angesichts solch gigantischer Herausforderungen? Wie kommt er von der Erkenntnis um den Klimawandel zum konkreten Tun?

Foer sagt, dass Klimaschutz für uns wichtig ist, aber nur solange er uns nicht persönlich einschränkt. Die Klimakrise habe eine Größenordnung, die für den Menschen nicht fassbar sei. Foer vergleicht sie mit dem Grauen des Holocaust, das für Außenstehende auch nicht fassbar war und verdrängt wurde. Foer bringt dies zu der These, dass Menschen mit Katastrophen dieses Ausmaßes folgendermaßen umgehen: Ich weiß es, aber ich kann es nicht glauben und weil ich es nicht glaube, weiß ich es auch nicht.

 Er analysiert das Nichthandeln aus unterschiedlichen Perspektiven. Seine Kernaussagen:

  • Wir verdrängen das Problem:
    • ‚Ich weiß, dass nichts was ich tun könnte, genügen würde‘
    • Wir lenken von uns selbst durch Hinweis auf andere Sündenböcke (Klimaleugner, die Politik etc.) ab
    • Wir reden uns mit zum Klimaschutz gegenläufigen Werten heraus, etwa mit unserer Weltläufigkeit. Wir beharren mehr oder minder unverhohlen auf unserem eigenen Vorteil.
    • Das Gefühl etwas zu bewirken ist oft größer als der tatsächliche Effekt und führt zu Selbstzufriedenheit.
  • Die Größenordnung der Herausforderung bleibt wegen ihrer immensen Größe zwangsläufig abstrakt. Die dramatischen Auswirkungen sind noch zu weit weg.
  • Die Echokammer der sozialen Medien und die Plattform für Klimaleugner in den öffentlichen Medien geben gefühlt den Eindruck, dass das Thema gar nicht so eindeutig ist, wie die Wissenschaft es darstellt.
  • Die Resignierenden glauben an ein Genie, das irgendwann irgendwo eine Wundermaschine erfinden wird, damit wir unser Leben nicht verändern müssen.

Wir werden die Klimakrise erst dann richtig erfassen, wenn wir anerkennen, dass sie uns umbringen kann.

Foer lässt Kritiker zu Wort kommen, die sagen, dass das meiste, was zur Begrenzung des Klimawandels gelehrt und empfohlen wird, vergleichsweise unbedeutend ist. Das Problem sei, dass wir ‚keine sinnstiftende Religion‘ rund um den Klimawandel entwickelt haben.  Die ‚richtige‘ Lösung würde jetzt eine zentralisierte, globale Kontrolle der wichtigsten Wirtschaftssektoren und enorme staatliche Investitionen in die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid bedingen.

Die Empfehlungen, sparsam zu sein, weniger zu fliegen oder sich vegetarisch zu ernähren, seien alle gut und schön aber die Vorstellung, wir könnten die Welt durch individuelle Verbraucherentscheidungen retten, sei illusorisch. Die Gesellschaften unterliegen einer ‚komplexen und rekursiven‘ Dynamik, die diese Empfehlungen nie großflächig umsetzbar erscheinen lassen.

Diesem pessimistischen Bild stellt Foer die Erkenntnisse über die Mächtigkeit sozialer Netzwerke gegenüber. Diese seien »eine Art menschlicher Überorganismus«, der die Mitglieder gegenseitig beeinflusst.

Die ansteckendsten Normen für einen Wandel sind die, die wir selbst leben.

Für Foer ist klar, dass die einzige Chance, das Ziel einer Begrenzung der Umweltzerstörung zu erreichen, darin besteht, dass jeder Einzelne sein Verhalten ändert und versucht seine Mitmenschen ebenfalls davon zu überzeugen.

Als ein gelungenes Beispiel für eine Veränderung individueller Verhaltensweisen im großen Kontext, führt Foer das Vorgehen der Amerikaner im zweiten Weltkrieg an: Die Städte im gesamten Land wurden verdunkelt, weit weg vom Krieg in Europa, um die Zivilisten einen Krieg spüren zu lassen, dessen Schrecken sie nicht sahen, der sich jedoch nur gemeinsam gewinnen ließ. Den Menschen an der Heimatfront wurde so vermittelt, dass ihr vertrautes Leben in Gefahr war – die Dunkelheit war eine Möglichkeit, die Gefahr sichtbar zu machen.

Als auslösenden Moment für eine Entscheidung zum Handeln führt Foer den sogenannten »Overview-Effekt« an. Der Begriff wurde geprägt von Astronauten, die aus dem Weltraum auf die Erde geblickt haben. Der Overview-Effekt wird als eine Erfahrung beschrieben, die ein Gefühl der Ehrfurcht, ein tiefes Verstehen der Verbundenheit allen Lebens auf der Erde und ein neues Empfinden der Verantwortung für unsere Umwelt auslöst (siehe auch das Video von Alexander Gerst).

Sehr grob zusammengefasst brauchen wir nach Foer also einerseits diese Art ‚Overview Effekt‘ -ein Erkennen des Einzelnen seiner Verantwortung für die ganze Welt- und andererseits eine geänderte soziale Norm, die Menschen freimacht fürs Handeln und die dann irgendwann zum Standard wird.

Der Overview Effekt erfordert, dass die Bedrohung und das Nichthandeln für den Einzelnen nah und fühlbar werden. Hier sind, so auch Foers Ausführungen, neben den Aktivisten, stabile und kontinuierliche Strukturen gefragt.

Bei den neuen Normen plädiert Foer dafür, dass diese selbstbewusst vorgelebt werden. Eine Veränderung des Ernährungsverhaltens als ein Beispiel für eine neue soziale Norm wird im nachfolgenden Abschnitt näher beschrieben. Er bringt unsere individuelle Angst vor dem Vorleben sehr drastisch auf den Punkt: ‚Du tust nichts, weil Du nicht willst, dass bei privaten Festen befangene Stimmung herrscht oder dass dich jemand lästig findet oder, schlimmer noch, für ein Arschloch hält.‘ Er ist aber gegen Dogmatik und ist überzeugt, dass man erste Schritte gehen muss, um die neuen Gewohnheiten zu etablieren.

 

Zum zweiten Punkt: Warum sind Ernährungsverhalten der Menschen und die dazugehörige Nutztierhaltung wichtige Stellschrauben zu der Bekämpfung des Klimawandels?

 Nachfolgend eine Übersicht relevanter Fakten, die Foer anbringt:

 30% der weltweiten Treibhausgas-Emissionen werden jährlich durch Abholzung und Brandrodungen freigesetzt (dadurch wird mehr CO2 freigesetzt, als alle Autos und LKWs weltweit ausstoßen)

  • Nutztierhaltung ist verantwortlich für 91 % der Rodungen im Amazonas.
  • Über 50% der Treibhausgasabsorbtions-Fähigkeiten gehen damit durch Nutztierhaltung und Rodung verloren
  • Knapp 60% des verfügbaren Landes weltweit wird für Tierfutteranbau verwendet
  • 35% des Süßwassers werden zur Tierzucht verwendet
  • Tiere gelten als Hauptproduzenten für Methan und Stickoxide, die nach CO2 die zweit- und dritthäufigsten Treibhausgase sind
  • Methan hat ein 28-fach höheren Treibhaus-Effekt als CO2, Stickoxide einen noch wesentlich höheren CO2-Effekt.
  • 2017 lag der Methan-Ausstoß um 11% höher als bisher prognostiziert.
  • Um eine Fleischkalorie zu produzieren werden sechsundzwanzig Futterkalorien benötigt. Die Massentierhaltung ernährt also nicht die Welt, sondern lässt sie verhungern.

Die unterschiedlichen Schätzungen über die weltweiten Emissionen der Nutztierhaltung schwanken zwischen 18 und 51 Prozent (Das ist mehr als alle Autos, Flugzeuge, Gebäude, Kraftwerke und Fabriken zusammen). Das Worldwatch Institut argumentiert für die 51% , weil das Wachstum der Tierbestände, die großflächige Abholzung und Brandrodung, zu einem dramatischen Rückgang der Fotosynthesekapazität der Erde, sowie zu immer schnellerer Verflüchtigung großer Mengen Kohlenstoff aus dem Erdreich geführt hat.

Einen der Autoren des Worldwatch Institute, Jeff Anhang, führt dies zu der Aussage: Wir wissen nicht genau, ob Nutztierhaltung ein Hauptverursacher des Klimawandels ist oder der Hauptverursacher.

Es scheint, so Anhang, als wäre es unmöglich, den Klimawandel aufzuhalten, indem man nur auf fossile Brennstoffe verzichtet. Nach einer Schätzung der Internationalen Energieagentur würde es ohnehin mindestens 53 Billionen Dollar kosten, eine enge globale Kooperation erfordern und mindestens zwanzig Jahre dauern, die Infrastruktur für die dafür nötigen erneuerbaren Energien zu schaffen.

Für Foer ergibt sich daraus eine klare Haltung: Tierprodukte durch Alternativen zu ersetzen, bietet die einmalige Chance, schnell Treibhausgasemissionen zu reduzieren und zugleich Land zur Verfügung zu stellen, auf dem Bäume schon bald überschüssiges CO2 aufnehmen könnten.

Mein Fazit zu Foers Buch und den Empfehlungen der Wissenschaftler:

Foer zeigt auf, wie schwierig es für den Einzelnen ist seine Gewohnheiten zu ändern und arbeitet dies sehr persönlich am Beispiel der Ernährungsumstellung ab. Er macht deutlich, dass wir etwas und was wir seiner Meinung nach tun müssen.

Er klammert aber die wichtige Frage, wie wir als Einzelne uns im demokratischen Diskurs verhalten sollten, weitgehend aus. Was ist das richtige Maß an Toleranz bzw. wann ist die Freiheit des Einzelnen bei Klimaschädlichem Verhalten nicht mehr akzeptabel? Führt das Moralisieren von engagierten Klimaschützern zu Denk- und Sprechverboten und damit zu einer Polarisierung wie wir das im Rahmen der Flüchtlingsdiskussion bereits gesehen haben?

Wie viel darf auch Politik in demokratischen Gesellschaften, die Freiheit und Gerechtigkeit als Prinzipien hochhalten, den Einzelnen zumuten? Je dogmatischer man auftritt, desto mehr Widerstände erzeugt man. Je leidenschaftlicher beide Seiten sich im Grundsätzlichen verkeilen, desto geringer die Chancen, dass wir praktische Lösungen finden.

Es muss mehr um das Wie gehen als um das Ob und Was. Wir müssen Frust und schlechte Nachrichten aushalten, die Verlustängste diskutieren. Diejenigen, die die Sicherheit des Überlebens forcieren, und diejenigen, die sich für die Sicherung ihrer jetzigen Lebensumstände einsetzen, müssen sich ohne gegenseitigen Hochmut streiten können.

Aber es ist richtig, jetzt mutig als Vorbild zu agieren, denn, wie Foer sagt, sind die ansteckendsten Normen für einen Wandel die, die wir selbst leben.

Es ist keine Verzichtsstrategie, sondern ein Gewinn an Lebensqualität, wenn der Einzelne jetzt im Sinne der Empfehlungen der Wissenschaftler handelt:

  • Es ist langfristig richtig und ohne große Einschränkungen möglich jetzt auf ein geändertes Mobilitätsverhalten mit Elektro-Mobilität umzusteigen.
  • Es ist langfristig richtig und gesünder jetzt weniger tierische und mehr pflanzliche Nahrungsmittel zu verzehren.
  • Es ist langfristig richtig und billiger Häuser jetzt mit einer klimaneutralen Lösung zu beheizen.
  • Es ist langfristig richtig und zukunftssichernd sich jetzt für einen umweltgerechten Konsum entlang den Kriterien einer fairen, lokalen Kreislaufwirtschaft einzusetzen.
  • Es ist langfristig richtig und unabdingbar notwendig, jetzt technische Klima-neutrale Innovationen auf allen politischen Ebenen entschieden zu fordern und zu unterstützen.
  • Es ist langfristig richtig und macht einen glücklicher, wenn man jetzt beschließt im Sinne der wissenschaftlichen Erkenntnisse verantwortlich für einen dringend notwendigen Klimaschutz öffentlich aktiv einzustehen.

Nur wenn wir in unserem persönlichen Umfeld das Klima-freundliche Verhalten positiv und sichtbar vorleben, werden wir zu Multiplikatoren, die den politischen Wandel zu den existentiell notwendigen strukturellen politischen Veränderungen einleiten.

 

3. Diskussion und Beiträge der Teilnehmer

  • Klar ist, wir können so nicht weitermachen. Trotzdem müssen wir fragen, ob die Grundannahmen von Klimaprognosen und Klimasimulationen wirklich stimmen.
  • Unter den Wissenschaftlern gibt es eine überwältigende Übereinstimmung hinsichtlich der Faktenlage zum Klimawandel. Trotzdem sind wir bezüglich der Klimaentwicklung auf Prognosen angewiesen.
  • Wir rechnen in den kommenden Jahren mit der Zunahme der Weltbevölkerung auf 11 Milliarden, entsprechend muss die Nahrungsmittelproduktion steigen.
  • Möglicherweise schwächt sich das Bevölkerungswachstum etwas ab: Aktuell sinkt die durchschnittliche Geburtenrate pro Frau von bisher 2,7 Kindern auf derzeit 2,4 Kinder.
  • Offenbar setzen die Afrikaner aber doch auf Bevölkerungswachstum: Das Tagblatt berichtete dieser Tage über die Aussage eines Afrikaners, wonach deren Kapital die Menschen seien.
  • Wenn es mehr Menschen auf der Erde gibt, brauchen diese Wohnraum. Wo bleiben dann die Grünflächen? Man sollte die Mischwälder aufforsten und mehr Gärten anlegen.
  • 80% unserer Bäume sind geschädigt. Lösungsansätze müssen vielfältig sein.
  • Mit Verweis auf den Philosophen Immanuel Kant stellt sich eine grundlegende Frage: Was dürfen wir noch hoffen? Grundbedürfnisse nach Nahrung und Wohnen müssen befriedigt werden. Woran sollen wir noch glauben?
  • Ein Beispiel für eine Lösung des Klimaproblems ist das Ozonloch. Hier wurden die FCKW verboten, es wurde also ein weltweiter Verzicht beschlossen, was zeigt, dass es Auswege gibt.
  • Eine ausschließlich individuelle Lösungsperspektive reicht nicht. Das Verbot der FCKW zeigt, dass bezogen auf unsere heutigen Klimaprobleme entsprechende Gesetze fehlen. Wir müssen also privat und politisch agieren, wobei die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung völlig klar ist.
  • Der Umgang mit dem Ozonloch zeigt, dass weltweite Aktionen zur Klimarettung möglich und notwendig sind.
  • Trotzdem seien unsere Grundannahmen zum Klimageschehen doch fraglich.
  • Wir müssen handeln. Auch im Falle der FCKW waren Jahrzehnte vor dem Verbot deren negative Auswirkungen bekannt, ebenso sind der CO2 Ausstoß und dessen negativen Folgen heute schon lange bekannt. Allein individuelle Lösungen, die einem ein gutes Gefühl verschaffen, sind nicht ausreichend. Technische Maßnahmen allein und nur politische Entscheidungen werden das Problem nicht ändern. Wir müssen unseren Lebensstil verändern.
  • Der Vergleich mit dem Ozonloch ist angebracht. 97% der Wissenschaftler bestätigen den menschengemachten Klimawandel, den Anstieg der Weltbevölkerung und den Anstieg des Wohlstandes. Auch neue technische Möglichkeiten könnten helfen, den Klimawandel zu bremsen.
  • Man wird das weltweit nicht in den Griff bekommen. Z. B. scheitert ja in Deutschland schon die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130 km/h. Oder was in Brasilien Bolsenaro macht, geht in die völlig falsche Richtung.
  • Ein komplexes Problem wie der Klimawandel braucht auch Lösungen auf verschiedenen Ebenen, man darf keine der möglichen Lösungen gegeneinander ausspielen.
  • Eine technische Lösung für neue Treibstoffe könnte sein, Wasserstoff mit Hilfe von grünem Strom zu erzeugen. Dieser Wasserstoff könnte sich mit CO2 zu Methanol verbinden, das ähnlich wie Benzin gut zu handhaben und energiereich ist. Verbrennt Methanol, gibt es das vorher gebundene CO2 wieder frei.
  • Ressourcen, wie z. B. der elektrische Strom, sollten sich aber nicht verteuern, weil sonst z. B. Senioren mit geringem Einkommen benachteiligt würden.
  • Es ist genug geredet, jetzt muss gehandelt werden. Jeder sollte seine Aufgaben lösen. Landwirte sollten z. B. Plastik von ihren Äckern einsammeln, Wälder sollten naturnah belassen werden, kleine Lösungen bevorzugt werden, politisch sollte das Wirtschaftssystem reformiert werden. Die EU-Landwirtschaftsförderung sollte den Erhalt natürlicher Grundlagen zum Schwerpunkt machen und nicht, wie derzeit, große Betriebe bevorzugt fördern.
  • Ist die E-Mobilität eine Lösung? Der Rohstoffabbau im Kongo und in Südamerika gefährdet die Existenz der dortigen Bauern und schafft vor Ort neue Umweltprobleme, wohingegen bei uns der Ausbau der erneuerbaren Energien zurückgefahren wird.
  • E-Mobilität ist ein Überlebenstrick der Autoindustrie, ebenso wie die Dämmung der Häuser ein Trick der Bau-Lobby ist.
  • Die vorgesehene 1000 m - Abstandregel für Windräder bremst den Ausbau der Windenergie.
  • Zu den Batterierohstoffen für das E-Auto: Im Kongo werden 85% der Bodenschätze in regulären Bergwerken gewonnen, 15% in privaten Kleinbergwerken, die ihre Produkte irgendwie in den regulären Handel einschmuggeln. Es gibt dort zu wenige Umweltvorgaben, die zudem leicht zu umgehen sind. In Chile ist der Wasserverbrauch bei der Lithiumgewinnung riesig, es fehlt an politischer Regulierung.
  • Das E-Auto ist nur mit grünem Strom dem Verbrennungsmotor überlegen.
  • Wie soll man nun die Maßnahmen zur Rettung des Klimas politisch diskutieren?
  • Vieles könnte man über finanzielle Anreize regeln, die Wirtschaft muss ins Boot geholt werden.
  • Warum ist das Klimapaket der Bundesregierung so schwach ausgefallen?
  • Technische Lösungen des Klimaproblems sind u. a. deshalb schwierig, weil CO2 eine sehr energiearme chemische Verbindung ist und deshalb immer viel Energie aufgewendet werden muss, um es chemisch mit anderen Stoffen reagieren zu lassen. Laubbäume binden viel CO2 und die Blätter geben es im Herbst wieder ab.
  • Das Klimapaket der Bundesregierung ist deshalb so schwach, weil die Regierung in einem hohen Maße vom Lobbyisten beeinflusst wird.

 

Karl Schneiderhan bedankt sich für die lebhafte und engagierte Diskussion. Er weist noch auf einen Bericht im Schwäbischen Tagblatt hin, wonach die Grünen in Tübingen beantragt haben, die Verpflegung des Gemeinderates auf Brötchen mit veganem Belag umzustellen. Ist dies ein Beitrag zur Rettung des Klimas?

Der nächste Gesprächskreis findet im Dezember bereits am 17.12.2019 statt. Thema ist das Buch von Wolfgang Koydl, „Die Schweiz – die Besserkönner“, der sein Buch selbst vorstellen wird. Wolfgang Koydl war Journalist in England, Österreich, Ägypten, Sowjetunion, Türkei, USA und in der Schweiz. Es wird darum gehen, warum in der Schweiz Manches besser funktioniert als bei uns und was wir daraus lernen können.

 Anmerkung des Protokollanten: Während ich dies schreibe, höre ich im Radio die Meldung, dass der Anteil der neu verkauften SUV-Fahrzeuge in diesem Jahr von 32% auf 35% gestiegen ist und dass man 2019 noch die Rekordmarke von 1 Million verkaufter SUV-Fahrzeuge erreichen wird.

 

Rottenburg, 27.11.2019

Wolfgang Hesse