27.07.2026: Würde ist kein Algorythmus" - Die Katholische Soziallehre und ihre Bedeutung zum Umgang KI -

1. Begrüßung und Vorstellung (Karl Schneiderhan)

Herzlich Willkommen zum heutigen Gesprächskreis in der Stadtbibliothek. Möglicherweise waren manche überrascht oder gar irritiert hinsichtlich des kirchlichen Bezugs für einen politischen Gesprächskreis. Nicht wenige fragen sich inzwischen ohnehin: Was kann aus Rom noch Gutes oder Hilfreiches kommen? Zumindest in Bezug auf das heutige Thema kann die Antwort auf diese Frage durchaus positiv ausfallen. Dafür steht jedenfalls Pfarrer Paul Schobel, den wir als Impulsgeber gewinnen konnten.

Lieber Paul, herzlich willkommen beim politischen Gesprächskreis Stadtbibliothek. Wir freuen uns, dass du uns an deinem reichen Erfahrungsschatz teilnehmen lässt. 

Paul Schobel gilt seit Jahrzehnten als einer der profiliertesten Sachwalter für soziale Gerechtigkeit und solidarischen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Bereits in frühen Jahren war er Jugendpfarrer der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) und seit über 50 Jahren ist er in der Arbeiterseelsorge engagiert.   

Einer seiner ersten Aktivitäten als Betriebsseelsorger war, dass er inkognito, als ‚Student‘ getarnt, am Fließband bei Daimler gearbeitet hat. Dabei hat er selbst erfahren, wie demütigend Arbeiter damals behandelt wurden, eine Erfahrung, die für ihn Antrieb war, Arbeitern eine Stimme und ein Forum des Austauschs zu geben. ("Daimler-Treff")

In diesen Jahrzehnten hat er den Arbeitern eine Stimme gegeben und sich insbesondere mit jenen solidarisiert, die von Arbeitslosigkeit bedroht waren oder arbeitslos wurden. Er hat Menschen ermutigt, wo sie das Gefühl hatten, nicht mehr gebraucht zu werden, sich mit aufrechtem Gang zu verabschieden. Global betrachtet, so hat er es einmal formuliert, stehen wir fast immer auf der Verliererseite, aber ich empfinde das nicht so, weil wir immer auf der Seite der Menschen stehen.

Später gründete er in Böblingen das Arbeiterzentrum als Ort für Beratung, Begegnung und Bildung. Über viele Jahre hat er die Betriebsseelsorge für die gesamte Diözese Rottenburg-Stuttgart verantwortet und gründete im Jahre 2004 die Stiftung "Arbeit und Solidarität" mit dem Ziel, arbeitslos Gewordene zu unterstützen, wenn alle Möglichkeiten des Hilfesystems ausgeschöpft sind.

Widerspruch von der einen Seite und Akzeptanz von der anderen Seite waren Erfahrungen, die sein Wirken prägen.  Person und Wirken von Paul Schobel zeugen von einem reichen Wissens- und Erfahrungsschatz. Wir freuen wir uns, dass wir heute mit ihm als Impulsgeber daran teilhaben. In diesem Sinne wünsche ich uns einen inspirierenden und spannenden Austausch zu diesem aktuellen wie brisanten Thema.

Karlheinz Rauch hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, für den heutigen Gesprächskreis die Moderation zu übernehmen.

 

2. Einführung (Karlheinz Rauch)

Alle reden über Künstliche Intelligenz – nun also auch der Papst. Das mediale Echo ist groß, doch mancher fragt sich: Braucht es im Chor der ohnehin Unzähligen wirklich noch die Stimme Roms?

Ja, unbedingt, sage ich provokant! Die Enzyklika Magnifica Humanitas von Papst Leo XIV. ist ein Ereignis. Sie hat das Zeug zu einer weltweit beachteten Orientierung in krisenhaften Zeiten zu werden – weit über das Christentum hinaus. Schon der Titel hat es in sich: Magnifica Humanitas – Großartige Menschheit. Da hält einer bewusst dagegen! Großartige Menschheit? Was ist denn noch großartig am Menschen in einer Zeit, die geprägt ist von Kriegen, geopolitischen Spannungen, der Ausbeutung der Natur, dem Klimawandel und bedrohten Demokratien? Ist das nicht gegenwärtig der Grundtenor in unserem Denken?

Im historischen Rückblick sprach Sigmund Freud von den drei großen Kränkungen der Menschheit:

  1. Die kosmologische Kränkung: Der Mensch musste erkennen, dass er nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist.
  2. Die biologische Kränkung: Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern entstammt der Tierwelt.
  3. Die psychologische Kränkung: Der Mensch handelt nicht nur nach freier Vernunft, sondern wird vom Unbewussten gesteuert.

Jedes Mal ist die Kirche hinterhergelaufen und hat neue gesellschaftliche und wissenschaftliche Entwicklungen verneint und bekämpft.

Heute erleben wir die vierte Kränkung: Die digitale. Die Sorge, dass der Mensch auf seinem letzten Terrain – dem Geiste – von der KI überflügelt und ersetzt wird. Es scheint, als ob die Kirche bei diesem Thema sich rechtzeitig in die gesellschaftliche Diskussion einmischt und die neuen Herausforderungen konstruktiv aufnimmt.

Wir leben in einer Zeit tiefgreifender Unsicherheit und sehen uns einer KI gegenüber, die faktenähnliche Texte halluziniert und Meinungen dominiert. Der Virologe Christian Drosten stellte in seiner vor kurzem ausgezeichneten Rede vor dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung eine entscheidende Frage: Wer legt fest, was gilt, wenn Fakten strittig werden? Wer ist Instanz in einer Zeit, in der wichtige gesellschaftliche Werte wackeln? Die Religion als handlungsleitende Instanz, so Drosten, gebe es in dieser Form kaum noch. Wo also findet sich noch Respekt vor etwas, das größer ist als bloße Meinungsmacht und technische Machbarkeit?

Genau an diesem Punkt fordert uns die Enzyklika heraus. Leo XIV. schreibt das „Projekt Menschheit“ nicht ab. Im Gegenteil: Er erinnert uns daran, dass Würde kein Algorithmus ist und sich nicht berechnen lässt. Hier kommt die Katholische Soziallehre ins Spiel – mit ihren Werten wie Menschenwürde, Gemeinwohl, Subsidiarität und Solidarität … und mit unserem Referenten Paul Schobel.

 

3. Impuls (Paul Schobel)

Zur Präsentation (kann als pdf heruntergeladen werden)

 

4. Diskussion (Protokoll Winfried Thaa)

Die Diskussion einleitend stellt Karlheinz Rauch fest: Nach seinem Eindruck ziehe sich durch die Enzyklika des Papstes der Gedanke, wir hätten es noch in der Hand, was mit der KI geschehe bzw. was sie mit uns mache. Der Vortrag von Paul Schobel frage eher skeptisch: Haben wir´s wirklich noch?

Im Verlaufe der Diskussion wurden von Seiten der Teilnehmenden folgende Aspekte als bedeutsam benannt:

Zum ersten Beitrag meint er, Politik müsse analog sein, weil sie die Unterstützung der Menschen braucht. Politik sollte aber viel mehr „unten“ verankert sein. Unsere Hebel zur Kontrolle und Regulierung seien vor allem deshalb zu kurz, weil sich an der Basis zu wenig rühre.

 

5. Abschluss und Dank (Karlheinz Rauch)

Karlheinz Rauch dankt Paul Schobel für den inhaltlich umfassenden und anregenden Impuls und für die engagierten Redebeiträge sowie allen Teilnehmenden für ihr Interesse und die große Resonanz.

 

Hinweis:

Wegen der Sommerferien findet der nächste Gesprächskreis am Montag, 28.09.2026 statt.

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