Wolfgang Hesse begrüßt die Teilnehmer der heutigen letzten Veranstaltung im Jahre 2025.
Besonders begrüßen möchte ich den Wirtschaftswissenschaftler Herrn Prof. Dr. Dr. Adolf Wagner. Er hat sich freundlicherweise bereit erklärt, uns heute als Impulsgeber und Diskussionspartner zur Verfügung zu stehen. Dafür möchten wir uns ganz herzlich bedanken. Dank seiner Unterstützung können wir uns heute einem Thema aus der Ökonomie widmen – einen Bereich, den wir bisher leider etwas vernachlässigt haben.
Zur Einführung möchte ich einige Aspekte der aktuellen wirtschaftlichen Situation in Deutschland beleuchten, um den Hintergrund zu schaffen, vor dem wir dann das Thema „Soziale Marktwirtschaft” behandeln werden.
Wie wird die aktuelle wirtschaftliche Lage von den Menschen in Baden-Württemberg wahrgenommen? Die folgenden Zahlen stammen aus dem BaWü-Check, einer repräsentativen Befragung, die das Institut Allensbach im Auftrag der baden-württembergischen Zeitungsverlage im November und Dezember durchführte. Auf die Frage „Inwieweit spüren Sie selbst die Auswirkungen der wirtschaftlichen Lage? Welche der folgenden Punkte treffen auf Sie zu?”
Wir leben in einer Phase der Transformation: Wie hat sich der Job-Abbau und der Aufbau neuer Jobs von 1975 – 2017 gestaltet? (Untersuchung des IAB):
Die Einkommensungleichheit in Deutschland hat in der Zeit von 2011 bis 2024 leicht zugenommen (Statista 2023).
Vor diesen Hintergrundschlaglichtern wollen wir nun tiefer in die Betrachtung der Sozialen Marktwirtschaft einsteigen.
Ich darf Ihnen jedoch zunächst Herrn Prof. Dr. Dr. Adolf Wagner etwas eingehender vorstellen.
Univ.-Prof. Dr. Dr. h. c. Adolf Wagner, Universität Leipzig, hatte die Lehrbefugnis für Wirtschaftstheorie, Statistik und Ökonometrie sowie entsprechende Lehrstühle an den Universitäten Marburg, Tübingen und Leipzig inne. In diesem Zusammenhang war er Gründungsdirektor des Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung (IEW) der Universität Leipzig, vormals auch Direktor des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) der Universität Tübingen und Co-Direktor des Instituts für Sozial- und Familienpolitik der Universität Marburg.
Wagner fungierte 29 Jahre als Mitherausgeber (davon 11 Jahre geschäftsführend) der ehedem führenden Fachzeitschrift „Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik“. Er hat angloamerikanische Lehrbücher von G. Mankiw, M. Taylor und P. Krugman in die deutsche Sprache übertragen. Wagner war mehrfach Dekan und an der Universität Leipzig, für einige Zeit auch Prorektor.
Die Jahre des hauptberuflichen Ruhestandes waren mit zahlreichen Gastvorlesungen an Universitäten sowie mit reichen Veröffentlichungen zum methodologischen und wahrheitstheoretischen Kern der Nationalökonomik angefüllt. Im vorakademischen Berufsleben war er erfolgreich im bayerischen Sparkassenwesen engagiert (zuletzt im Kreditgeschäft und als Verbandsprüfer).
Zwei neue Bücher von Prof. Dr. Dr. hc Adolf Wagner:
(1.) A. Wagner (2025): Duale Nationalökonomik zwischen Theorie und Praxis. Essenzen aus dem Alfred-Eugen-Ott-Forum, Berlin.
(2.) A. Wagner (2025): Volkswirtschaftliche Neuorientierungen für Praktiker und Wirtschaftsstudenten, 2. Auflage, Berlin – Rom.
„Wer neue Ideen einbringt, verlässt immer
den Boden der Solidarität.“
Max von der Grün (1926-2005)
<1. Teil>
1. Volkswirtschaft, Nationalökonomie und Nationalökonomik
Meine Damen und Herren,
heute geht es um die „Volkswirtschaft“, die überall in den Staat eingebunden ist und insofern auch vom Zeitgeist der Zivilgesellschaft beeinflusst wird. In Europa verwendet man deshalb die Bezeichnung „Nationalökonomie“ und das Wort „Nationalökonomik“ für die zuständige Wissenschaft. Die Nationalökonomik ist zweigeteilt und somit eine „Duale Nationalökonomik“: Als (I.) „Theoretische Nationalökonomik“ kommt sie zuerst mit der unermesslichen Fülle an Lehrbüchern und Veröffentlichungen in den Blick, die – verbal oder mathematisch eingekleidet – nur unbestimmte Erwägungen für abstrakt denkbare Ökonomien heute oder irgendwann ausbreitet. Davon sollte man nichts unmittelbar Praxistaugliches erwarten, schrieben namhafte Fachvertreter den Studenten auf (so Alfred Marshall, 1842-1924, Paul Mombert, 1876-1938, und John M. Keynes, 1883-1946). Wichtiger ist (II.) „Angewandte Nationalökonomik“ mit spezifischen Sachanalysen für bestimmte Gebiete und Zeiten. Anregungen der Theorie (I.) zusammen mit Ökonometrie und Wirtschaftsstatistik ergeben dynamische Modelle, die geschichtliche Entwicklungen nachzeichnen und es ermöglichen, beste politische Eingriffe abzuleiten oder die Gewissheit guter Selbstregulierung zu begründen.
Erschrecken Sie nun nicht über das, was nie nach außen dringt! Beispiele sind das MEMMOD-Modell der Deutschen Bundesbank (mit 690 Gleichungen für einen Verbund von 9 Ländern) und das QUEST-Modell der Europäischen Kommission (mit 1.030 Gleichungen für einen Verbund von 16 Ländern), die ein Zusammenwirken von Bevölkerungsgruppen darstellen.
Im Alltag des Mikrobereichs von natürlichen und juristischen Personen zeigt sich das Geschehen mit Abermillionen von Produktionen und Transaktionen des Gebens und Nehmens von diesem und jenem, etwa von Geldern, von Gütern und von Faktordiensten (bei Wahrung der „Budget-Disziplin“ und der Grenzen „materieller Freiheit“). Man kann aus verschiedenen Blickrichtungen darauf schauen.
„Eine ‚déformation professionelle‘ moderner Ökonomen
kann darin bestehen, dass stets und überall nur Angebot, Nachfrage
und Märkte gesehen werden.“
Edmond Malinvaud (1923-2015)
2. Nationalökonomien aus der Vogelperspektive und der Froschperspektive
Das Gesamtsystem heißt bei uns in Deutschland aus der Vogelperspektive betrachtet „Soziale Marktwirtschaft“ und wurde 1950 – wie jeder weiß – von Alfred Müller-Armack (1901-1978) mit umfassenden Verheißungen gekennzeichnet: „Das sittliche Wollen des Sozialismus, der Ordogedanke des Katholizismus, die Beseelung der Berufsidee und die brüderliche Hilfsbereitschaft der Protestantismen können im Verein mit der Einsicht in neue Organisationsprinzipien im neuen Liberalismus [gemeint waren die Marktmechanismen und die Demokratiemechanismen] viel bewirken.“ Bemerkenswerte andere erörterte Bezeichnungen sind nicht zu verschweigen: „Sozialer Liberalismus“ war der Vorschlag von Ludwig Erhard (1897-1977), dem späteren Wirtschaftsminister und Bundeskanzler. „Liberaler Sozialismus“ lautete die von Franz Oppenheimer (1864-1943), meinem wirtschaftstheoretischer Urgroßvater, favorisierte die Bezeichnung. Erich Preiser (1900-1967), bei dem ich als Letzter meine Diplom-Arbeit in München schrieb, wollte keine Belebung des überkommenen Kapitalismus sehen und verlangte eine letzte Verantwortung des Staates für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Man hält Friedrich List (1789-1846) aus Reutlingen, den weltweit zweiten bekanntesten deutschen Nationalökonomen neben Karl Marx (1818-1883), bereits für einen Vorläufer der „Sozialen Marktwirtschaft“ (so Eugen Wendler, geb. 1939).
Die Müller-Armack-Programmatik klingt so, als wollte man seinerzeit alle gängigen und attraktiven Vorsätze zulassen und umsetzen. „Es allen recht machen“ ist jedoch nach späteren Befunden als ein unmögliches Vorhaben völlig auszuschließen (so Kenneth J. Arrow, 1921-2017). Individuelle Präferenzen aus Nutzenfunktionen (wenn man diese denn je hätte) können nicht zu einer politikleitenden kollektiven „Sozialen Wohlfahrtsfunktion“ aggregiert werden. So ist eine resultierende demokratische Unzufriedenheit bereits methodisch zu begründen.
Aus der Froschperspektive gesehen besteht das neue System (1.) aus Marktmechanismen zur Beschaffung mit kaufkräftigem Geld der Nachfrager, und (2.) aus Demokratiemechanismen zur Beschaffung durch Organisation eines mehrheitlichen politischen Einflusses. Im Sinne von (1.) und (2.) zusammen verwende ich seit 1988 die Bezeichnung „Marktwirtschaftliche Demokratie“. Der Philosoph Jürgen Habermas (geb. 1929) sprach kürzlich als ökonomischer Laie von „Kapitalistischer Demokratie“. Im angloamerikanischen Schrifttum würde man von einer „Mixed Economy“ sprechen, die Elemente von Kapitalismus und von Sozialismus zu vereinigen trachtet. Menschen stehen dabei stets im Mittelpunkt, und zwar vor allem „Hochmotivierte“ (so Helmut Leipold, 1944-2020), unternehmerische Leute in allen Funktionen.
In Sichtweite des Rottenburger Doms sind einige Worte vom Nestor der Katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Breuning SJ (1890-1991), anzufügen. Er bewertet die Volkswirtschaft und die Nationalökonomie insgesamt sehr hoch als das „Mittelsystem zur Selbstverwirklichung des Menschen bei der Daseinsgestaltung“, räumt jedoch mit Bedauern ein, dass es den Leuten allgemein „nicht wert genug erscheint“, sich ein exaktes Wissen über das Funktionieren des Systems zu erarbeiten. Nell-Breunings Buch „Gerechtigkeit und Freiheit“ kommt gleichwohl erst auf der Seite 141 zum „Thema Wirtschaft“, weil zuvor das „Höhere“ abgehandelt wird, an das alles Wirtschaftliche gebunden ist (so Alexander Rüstow, 1885-1936). Für ihn ist der typische Wirtschaftsmensch „solidaristisch“, d. h. eigeninteressiert und doch gemeinschaftsgeneigt.
Ich meine: Jeder Mensch bildet sich gewisse Vorstellungen vom Funktionieren seiner Wirtschaftsgesellschaft insgesamt, wenn er über die Abermillionen tagtäglichen Produktionen und Transaktionen von Geldern, Gütern und Faktordiensten zwischen den Wirtschaftseinheiten, den natürlichen und juristischen Personen, nachdenkt. Er betätigt sich dabei als Laienökonom oder „Folk Economist“ (so N. Gregory Mankiw, geb. 1958). Vielleicht beginnt es wie beim Wasserträger einer Fabel von Bertolt Brecht (1898-1956) mit der Feststellung: „Die Not ist groß. Uns können nur die Götter helfen.“ Vielleicht denkt er auch, das gemeinsame Wirtschaften habe ein fürsorglicher Uhrmachergott geschaffen, so dass man sich – aufgrund der „harmonia praestabilita“ - einem „Laisser-faire“ anvertrauen kann. Das Neue Testament enthält bekanntlich einige Andeutungen dafür, dass man sich nicht allzu sehr um wirtschaftliche Lebensgrundlagen sorgen muss.
„Die vorherrschenden Lehren, so irrig sie auch sein können,
gewinnen einfach durch ständige Wiederholung den Charakter
von etablierter Wahrheit, die man nicht in Frage stellen kann,
ohne sich dem Bannstrahl des ‚Establishments‘ auszusetzen.“
Maurice Allais (1911-2010)
3. Die „Marktwirtschaftliche Demokratie“ in der Praxis
Ältere denken mit mir nun an das erlebte Kriegsende 1945 zurück und den bald danach folgenden Neubeginn. Als man nach dem fürchterlichen Zweiten Weltkrieg wieder frei atmen und über die verbessernde Reorganisation der staatlich und zivilgesellschaftlich eingebetteten Volkswirtschaft nachdenken konnte, gab es von verschiedenen Seiten bedenkenswerte Vorschläge. So kam es zu den beiden Mechanismen: Marktmechanismen mit Verkäufen und Käufen, juristisch eingekleidet in Kaufverträge, sowie Demokratiemechanismen mit Beschlüssen und Verwaltungsakten für Zuteilungen und Veranlassungen – insgesamt einer „Marktwirtschaftlichen Demokratie“.
Der „große Ruck“ – spürbar für alle - folgte am 20. 6. 1948 mit dem neuen Geld, der D-Mark. Es gab Kopfgeld von 40 DM in zwei Raten. Ich habe mir damals meine ersten 20 DM vom Vater aushändigen lassen und zum Vorzeigen mit in die Schule genommen. Meine Mutter nahm mir das Geld allerdings am nächsten Tag wieder ab. Statt der Scheidemünzen gab es kleine bunte Papierchen. Über Nacht – ganz unvorstellbar – wurden Waren in den Schaufenstern angeboten, die es zuvor auf Nachfragen angeblich „nicht gab“. Auch beim Metzger wurde man wieder angestrahlt und bekam als junger Einkäufer sein Extrawürstchen.
Das „Ungefähre“ aller Nationalökonomik beachten:
Die „erklärenden Systembeschreibungen“ der Nationalökonomik haben ihre wahrheitsbedingten Grenzen: a) Alle Variablen sind unscharf (so Joan Robinson, 1903-1983), b) sämtliche Daten sind ungenau (so Heinrich Strecker, 1922-2013) und c) alle Verknüpfungen sind „weich“ und d) alternativ wegen der unkontrollierbaren Komplexitätsreduktionen der Modelle (so Wolfgang Brachinger, 1951-2011). Die bei Angewandter Nationalökonomik anfallenden „Quasi-Theorien“ oder „Perspektivischen Wahrheiten“ sind nicht eindeutig; denn einerseits sind die ausgeblendeten Teile der Wirklichkeit riesengroß, und andererseits gibt überhaupt „keine allgemeingültigen nationalökonomischen Wahrheiten“ (so Rudolf Stammler, 1856-1938). Die Fachgebiete werden durch „zirkulären Fortschritt“ bewegt, weil alles schon einmal von diesem und von jenem angesprochen wurde und keine sicheren persönlichen Zuordnungen möglich sind (so Ernst Helmstädter, 1924-2018). Überdies hat die Nationalökonomik – wie alle Sozialwissenschaften – nur eine begrenzte Wahrheitsfähigkeit.
Strategische Aktionsprogramme, zu erschließen aus „Magischen Vielecken“, waren und sind für die Zivilgesellschaft und ihren Politikbetrieb bezeichnend. Angeregt von dem US-Politikwissenschaftler Murray Edelman (1919-2001) entschloss sich Alfred Meier (1937-2022) zu einem modifizierten Begriff von Wirtschaftspolitik: „Zweck allen wirtschaftspolitischen Handelns ist es letztlich, die Leute zufrieden zu stellen, indem ein wahrgenommenes Problem verschwindet. Wirtschaftspolitik kann in diesem Sinne auch als Management der öffentlichen Meinung gesehen werden, das auf der Erzeugung realer (Veränderung der Umweltbedingungen) und symbolischer Effekte (Beeinflussung von Wahrnehmung und Ordnungsvorstellungen) beruht.“ Tatsächlich wird eine Vielzahl von Menschen in Vereinfachungen und Stereotypen denken und – wegen zu großer Schwierigkeiten genauen Nachdenkens - nach Personalisierungen des Vertrauens entscheiden, wem sie die Stimme geben und wessen Vorschlägen sie zustimmen.
„Allokative Effizienz“ (d. h. bestmögliche Umsetzung der Ressourcen in Produkte) und „Distributive Effizienz“ (d. h. Zufriedenheit der Gesellschaft mit einer als „fair“ empfundenen Verteilung der Einkommen und Vermögen) gelangen in eine permanent bestehende – kreative (?) – Spannung, sofern distributive Effizienz pointiert auf „Angleichung“ angelegt ist. Dieses systemisch bedingte Spannungsverhältnis ist altbekannt, weshalb die Universität Tübingen schon im Jahre 1927 den US-amerikanischen Nationalökonomen John Bates Clark (1847-1938) mit der Würde eines Ehrendoktors ausgezeichnet hatte. Einkommen und Vermögen der Wirtschaftseinheiten machen den Spielraum der „materiellen Freiheit“ aus, wie im Übrigen auch die Brisanz des Verteilungsthemas. Auf diese Weise können auch andere Zweier-Beziehungen aus dem Programm „Magisches Neuneck“ (so Wolfgang Eichhorn, geb. 1933) in Spannung oder Konflikt geraten. Analysen würden hier und heute zu weit führen.
Staat und Marktwirtschaftliche Demokratie stehen um der persönlichen Freiheit willen im Risiko. Die Basierung auf (a) Staatsvolk, (b) Staatsgebiet und (c) Staatsgewalt mit Rechtssystem (so Georg Jellinek, 1851-1911) – mit einer Rechtsordnung als Infrastruktur zur Ausübung von Freiheiten (so Daniel Zimmer, geb. 1959) - ist stets zusammen mit dem „Böckenförde-Dictum“ zu lesen (nach Ernst-Wolfgang Böckenförde, 1930-2019): „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist.“
Nachworte
Ich schließe mit einem Satz von Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944): „Die Zukunft sollte man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen.“ Drei Punkte füge ich an:
Man vertraue dabei auf die „Hochmotivierten“ in allen Funktionen (so Helmut Leipold, 1944-2020), freie Menschen, die insbesondere als Problemlöser und Innovatoren wirken. Es sind die als „solidaristisch“ bezeichneten, zwar eigeninteressierten, aber doch auch gemeinschaftsgeneigten Leute (so Oswald von Nell-Breuning, 1890-1991).
Man betrachte das gängige Schlagwort vom „Bürokratieabbau“ als Hinweis auf die systematische Daueraufgabe „Law and Economics“ an der Nahtstelle von Rechts- und Wirtschaftswissenschaften: lähmende Vorschriften zu verhindern und anregende zu fördern. Kurz: Die „Infrastruktur zur Ausübung von Freiheiten pflegen“ (so Daniel Zimmer, geb. 1959)!
Nur der Zweig „Angewandter Nationalökonomik“, auf die Möglichkeiten des Gebiets und der Zeit zugeschnitten, vermag aussichtsreiche Wege zu weiterhin hoher Wertschöpfung über das „Magische Neuneck“ ambitionierter Makroziele hinweg (so Wolfgang Eichhorn zu zeigen, geb.1933) aufzuzeigen.
<2. Teil>
„Die Gefährdung der heutigen Menschheit entspringt nicht so sehr
ihrer Macht, physikalische Vorgänge zu beherrschen, als ihrer Ohnmacht,
das soziale Geschehen vernünftig zu lenken.“
Konrad Lorenz (1903-1989)
4. Einige Thesen zur Diskussion
4.1 Die Entwicklung einer „Demografischen Effizienz“ ist notwendig!
Obwohl man seit hundert Jahren weiß, dass die Bevölkerung ebenso wichtig ist wie die Staatsfinanzen, fehlt weiterhin ein hinreichendes „Bevölkerungsbewusstsein“, das dem „Umweltbewusstsein“ vergleichbar wäre. „Demografische Effizienz“ für den Fortbestand von Staat und Nationalökonomie hat bisher noch kein hinreichendes allgemeines Interesse gefunden. Die Lebensumstände für junge Leute müssten im Idealfall so sein, dass es hinreichend viele Geburten zum Ausgleich von Sterbefällen (und Auswanderern) gibt. Anzustreben wäre eine stabile demografische Reproduktion, gemessen mit dem Nettoersatz der Mütter- durch Töchtergenerationen (d. h. Nettoreproduktionsraten von Eins). Für die Mikroebene der Familien hieße dies: 2 – 3 Kinder im Durchschnitt für alle jungen Paare. Auf lange Sicht ergäbe sich dadurch eine regelmäßige Alterspyramide in Glockenform, die für die Systeme des Bildungsbereichs, des Gesundheitswesens, der Altersversorgung und der Verteidigung Stabilität begünstigen könnte. Quantitativ, strukturell und qualitativ sollte die Bevölkerung eines Landes stabilisiert werden. Die seit langer Zeit permanent nachwuchsdefizitäre Geburtenentwicklung in Deutschland ist nicht länger hinnehmbar.
4.2 Die Sicherung der „Adaptiven Effizienz“ ist zweckmäßig!
„Adaptive Effizienz“ oder Anpassungsfähigkeit der „Marktwirtschaftlichen Demokratie“ und der freiheitlichen Gesellschaft insgesamt sind bekannter und leichter vorstellbar, doch mit Blick auf den „rollierenden Generationenwechsel“ mit Nachwuchs und Zuwanderungen keineswegs leicht zu sichern, bei dem Wissen verloren geht und nachgelernt werden muss, aber auch Einstellungen zum Leben insgesamt wechseln. Resilienz, Bestandsfestigkeit oder Antifragilität der Nationalökonomie müsste man darin als verwirklicht sehen. Die Erwartung ist anspruchsvoll. Von der Mikroebene aus betrachtet sollten gleichsam sämtliche Märkte „regulär“ und im Störfall „stabil“ sein; zudem müssten die Demokratiemechanismen bei Störung oder Erschütterung plausible Gegenkräfte der Selbststabilisierung aufweisen. Dafür fehlen einschlägige Forschungsergebnisse.
4.3 Gewährleistung der Geldwert- und Kaufkraftstabilität des Euro ist systemrelevant!
In freiheitlichen Gesellschaften gehören a) eine tendenzielle Budgetdisziplin, d. h. Deckung der Ausgaben durch Einnahmen (pro Periode oder in überschaubarer Frist) sowie b) eine Geldwert- und Kaufkraftstabilität des Geldes (durch die Geldmengenpolitik und die Fiskalpolitik) dazu. Permanente Inflation, die teilweise durch die institutionell unvollkommenen Regelungen im Währungsraum begründet ist, belastet die Einkommensverteilung und regt durch den Argwohn „zurückzubleiben“ ständig zu kritischer Unruhe in den Arbeits- und den Gütermärkten an. Im Übrigen wurde sehr früh schon darauf aufmerksam gemacht, dass die europäische Einigung in jedem Falle auch zu einer Transferunion führen wird (so Bernhard Külp, 1933-2022). Ferner zu notieren: „Die Geschichte des Geldes ist nicht zuletzt eine Geschichte seines bewussten oder unbewussten Missbrauchs durch die Politik“ (so Hans Willgerodt, 1924-2012).
4.4 Die Politikverdrossenheit auf Grund fachwissenschaftlicher Unkenntnis sehen!
Sämtliche Aspekte von Effizienz, falls verwirklicht, stützen gebündelt das Systemvertrauen der Bevölkerung im Sinne von Niklas Luhmann (1927-1998). Politikverdrossenheit als Abweichung vom Systemvertrauen hat viele Ursachen. Eine kaum beachtete Ursache besteht in der irrigen Erwartung präziser und verlässlicher Rezepturen von einer Einheitswissenschaft der Nationalökonomik. Diese Sozialwissenschaft vermag jedoch nur ein mehrdeutiges und ungefähres Herrschaftswissen zu bieten. Zwei weitere Ursachen der Verdrossenheit könnten systemisch durch die Einbindung in das Großterritorium EU begründet sein: (a) Ein permanenter Umverteilungsdruck zulasten der leistungsfähigeren Volkswirtschaften und zugunsten der Schwächeren, wobei alle Seiten unzufrieden sind (die Belasteten über ein Zuviel, die Begünstigten über ein Zuwenig). (b) Eine überbordende Bürokratie mit hinderlichen und unnötigen Eingriffen sowie zugleich eine Schwerfälligkeit der Entscheidungen im Viel-Völker-Gebilde EU. Sie tragen zu den höheren Kosten des Standortes bei. Zu vertiefen wäre die Diskussion mit dem „Management der öffentlichen Meinung“ als einer neuen Komponente der Wirtschaftspolitik, mit „Fake News“ und mit „Framing“.
4.5 Marktmacht und ihr Gebrauch sind im Einzelfall zu hinterfragen!
Über Marktmacht verfügen Marktteilnehmer dann, wenn sie das Marktergebnis (Gleichgewichtspreis und/oder -menge) voraussehen und/oder zu ihrem Vorteil beeinflussen können. Bekannt und in allen Lehrbüchern verzeichnet ist das Cournot-Monopol nach Augustin Cournot (1801-1877). Erich Preiser bezeichnete es noch als „das sicherste Lehrstück“ der gesamten Preistheorie. Man traut dem Cournot-Monopolisten ein „make the most of it” beim Periodengewinn zu, indem er – bei Kenntnis der Gesamtnachfragefunktion als seiner Preis-Absatz-Funktion und insbesondere des Prohibitiv-Preises sowie seiner eigenen Kostenfunktion – einen Preis in Höhe des halben Prohibitiv-Preises und der halben Stückkosten errechnet und festsetzt. Völlig anders als die „Schreibtischlösung“ des Mathematikers Cournot gestaltet sich die „Praxislösung“ des Pfister-Monopols nach Bernhard Pfister (1900-1987). Der „aufgeklärte Monopolist“ denkt über den Tag hinaus an seine Zukunftsstellung im Markt und setzt einen für ihn (und seine Teilhaber) „befriedigenden Preis“ mit einem bescheidenerem als dem maximal möglichen Gewinn. Die Höhe ist in der Praxis zu ermitteln und nicht lt. Lehrbuch zu errechnen. Niemand ist gezwungen, bestehende Machtpositionen auch tatsächlich auszuschöpfen! Als Anhänger des Pfister-Monopols kennt man Joan V. Robinson (1903-1983) und Helmut Arndt (1911-1997). Bei verschiedenen „Oligopol-Lösungen“ tritt – willentlich oder wegen rechnerischer Probleme - ein ähnlicher Zwiespalt auf wie beim Monopol: Suffizierung statt Maximierung!
4.6 Demokratiemechanismen sollen primär die „eigenen Leute“ begünstigen!
Man kennt dafür die Eidesformeln aller Abgeordneten und Amtsträger. Es gibt dafür auch einschlägige Regeln als Beispiele aus Frankreich und aus Großbritannien. „Je veux que chaque paysan ait son poulet dans son pot le dimanche“ (so Heinrich IV, 1553-1610). „The very nature of economics is rooted in nationalism“ (so Joan Robinson, 1903-1983). Eine provokant überzogene Maxime lautet: „Make America great again!“
4.7 Nationalökonomik als mehrdeutiges und ungefähres Herrschaftswissen annehmen!
Es ist primär die unkontrollierbare Distanz zwischen der Vielfalt einer letztlich unfassbaren Realität und allen davon per Komplexitätsreduktion abgeleiteten vereinfachenden Denkmodellen, die sämtliche Erklärungsversuche und Politikempfehlungen tragen sollen. Die „Ohnmacht, das soziale Geschehen vernünftig zu lenken“, um einer tatsächlichen Gefährdung der Menschheit vorzubeugen (so Konrad Lorenz, 1903-1989), müsse man sehen, dazu eine Überforderung: „Der Staat ist die große Fiktion, mit deren Hilfe sich jeder bemüht, auf Kosten aller zu leben“ (so Frédéric Bastiat, 1801-1850). „Was die Leute das Schicksal nennen, sind meistens ihre eigenen dummen Streiche.“ Vorsicht im Übrigen: „Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustande der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heißt: daher erschrecken uns die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur“ (so Arthur Schopenhauer, 1788-1860). Sozialisierung und Integration erscheinen unerlässlich.
4.8 Gegenbilder einer „Marktwirtschaftlichen Demokratie“ kennen!
Im Sinne von Wilhelm Dilthey (1833-1911), der um das Jahr 1900 herum eine „wissenschaftliche Leitung der Gesellschaft“ empfahl, entstanden vielerlei Systeme. Bisweilen hatten Menschen dabei nur die Rollen von Arbeitstieren und von Kanonenfutter, wie es der Volksmund formulierte. Ein Wladimir I. Lenin (1870-1924), Gründer der Sowjetunion, verfiel auf die Konzeption einer Kommando- und Zentralplanwirtschaft mit besonderer Bedeutung. Man müsse eine Volkswirtschaft so organisieren wie die Deutsche Reichspost von ehedem: Vorgesetzte und Untergebene überall in strenger Befehlsordnung. Die Leute um Lenin herum konnten seinerzeit nicht wissen, dass man Menschen nicht bis ins Kleinste befehligen darf, weil sie sonst zweierlei verlieren: (1.) Die Lust an der engagierten Mitarbeit. (2.) Die Entfaltung ihrer Findigkeit als „Problemlöser“. Im Übrigen wurde das Peter-Prinzip von Lawrence I. Peter (1919-1990) erst später publik, wonach für Aufsteiger und Befehlsgewaltige gilt: „In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.
„Mit jedem greisen Professor
stirbt eine Bibliothek.“
Jan Assmann (geb. 1938)
5. Literaturempfehlungen
Oswald von Nell-Breuning (1985): Gerechtigkeit und Freiheit. Grundzüge katholischer Soziallehre, 2. Aufl., Wien – München – Zürich.
Staatsministerium Baden-Württemberg (1990, Hrsg.): Baden-Württemberg im Europäischen Binnenmarkt 1992. Ausgewählte Analysen und Empfehlungen 1990. Bericht des Beraterkreises der Landesregierung zu EG-Fragen, Stuttgart.
Adolf Wagner (2020): Eine Wohlfahrtsökonomik für die neuen Zeiten und die Menschen in einer fragilen Welt, Marburg.
Adolf Wagner (2022): Volkswirtschaft besser verstehen. Das Ungefähre in der Nationalökonomik, Berlin.
Adolf Wagner (2025): Duale Nationalökonomik zwischen Theorie und Praxis. Essenzen aus dem Alfred-Eugen-Ott-Forum, Berlin.
Adolf Wagner (2025): Volkswirtschaftliche Neuorientierungen für Praktiker und Wirtschaftsstudenten, 2. Aufl., Berlin – Rom.
Eugen Wendler (2020): Die Politische Ökonomie von Friedrich List, Wiesbaden.
Der erste Beitrag bezieht sich auf Oswald von Nell-Breuning und stellt die These in den Raum, dass soziale Marktwirtschaft „Etikettenschwindel“ sei. Das Ordnungssystem beziehe sich auf Wirtschaft und Markt. Er verweist zudem auf Zeitverwendungsstudien, nach denen aktuell 14 % der Personen im arbeitsfähigen Alter nicht integriert seien, ebenso auf die Bevölkerungsperspektive und die Freiheit der Eltern im Hinblick auf die Nachwuchsfrage.
Prof. Wagner verweist auf Günter Krüsselberg (Ökonom, Marburg) für Zeitstudien. Von einer laboristischen Wirtschaft (als Gegensatz zur kapitalistischen Wirtschaft) sprach bereits Oswald von Nell-Breuning, ausführlich – per Lehrbuch – sodann Winfried Vogt. Es sei letztlich aber eine Frage der Machbarkeit.
Ein anderer Beitrag bezieht sich auf den Begriff Nationalökonomik und das Ziel, diese zu erhalten. Angeführt werden die Universalisten und das Dilemma aktuell mit der Zuwanderung. Dazuhin wird Bezug darauf genommen, dass Max Weber beispielsweise Kritik geübt habe an der starken Zuwanderung aus Polen ins Ruhrgebiet.
Prof. Wagner führt dazu aus, dass Herbert Ehrenberg und Anke Fuchs die Position vertreten hätten, der Staat müsse sich heraushalten. Selbstverständlich sei es die Freiheit der Einzelnen zum Kinderhaben, andererseits habe jede Regierung, wie von John M. Keynes seit 1925 angemahnt, auf den „Bestand“ des Ganzen zu achten. Langfristig anzustreben ist eine Netto-Reproduktionsrate von Eins (Ersatz der Mütter- durch Töchtergenerationen), flankierend notwendig ist eine geregelte, rationale Wanderungspolitik. Wie man aus den Eidesformeln aller Mitglieder sämtlicher demokratischen Institutionen erkennt, soll dabei jeweils das Beste für ihre Bevölkerung erreicht werden.
Dann wurde die Frage gestellt, ob soziale Marktwirtschaft auch ohne (Wirtschafts-) Wachstum denkbar sei.
Prof. Wagner antwortet mit einem klaren Nein. Man brauche die Möglichkeit von Wachstum, weil daran die individuelle Entfaltung der „Hochmotivierten“ und kollektiv die „Allokative Effizienz“ des Systems hänge.
Der nächste Beitrag zum Wachstumsaspekt aus Bedürfnissen und Wünschen formulierte Widerspruch: Man könne auch zurückschrauben und sich nicht nur auf die Erfüllung künftiger (materieller) Wünsche konzentrieren.
Prof. Wagner merkt dazu an, dass die Logik gegeben sei, dass wir aber nicht nur Waren und Güter produzieren, die Ressourcen und die Umwelt in Anspruch nehmen, sondern auch Dienstleistungen, die nicht an Limitierung stoßen.
Auf die Bemerkung, dass man sich doch selbst einbringen kann, verwies Prof. Wagner auf Peter Swann, einen britischen Wirtschaftsprofessor.
Weitere Fragen: Wie sind Ende der 40er Jahre die politischen Prozesse gelaufen, dass sich dieses Modell der sozialen Marktwirtschaft durchgesetzt hat? Wie ist es zu bewerten, dass große Teile der Bevölkerung Defizite bei der sozialen Gerechtigkeit sehen bzw. dass Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft nicht mehr funktionieren?
Prof. Wagner führt zum zweiten Thema an, dass dies Fragen der Zivilgesellschaft seien und der jeweilige Zeitgeist zu beachten sei. Er verwies zudem auf Murray Edelman, amerikanischer Politikwissenschaftler, der u. a. das Thema überzogene Erwartungen behandelt habe.
Moderator Wolfgang Hesse weist auf eine Untersuchung von Thomas Piketty zu den Bedingungen bei der Entwicklung der sozialen Marktwirtschaft hin. So hätte im Laufe von 300 Jahren das Wirtschaftswachstum jeweils zwischen 1% und 2% betragen. In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts seien es 4,5% gewesen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges habe ein erheblicher Nachholdruck bestanden. Kann es also sein, dass die Soziale Marktwirtschaft eine historische Besonderheit darstellt? Wagner verweist auf kritische und korrigierende eigene Veröffentlichungen zu Piketty (insbesondere kapitaltheoretische Defizite).
In einem Beitrag wurde dazu ausgeführt, dass das Wirtschaftswunder auch deshalb möglich gewesen sei, dass im wirtschaftlichen Bereich doch noch vieles erhalten war. Außerdem sei vor 70 Jahren eine Rentenreform erfolgt mit einer entsprechenden Umverteilung. Darüber hinaus sei bei der Umsetzung des magischen Vierecks (Preisstabilität, angemessenes Wachstum, außenwirtschaftliches Gleichgewicht, hoher Beschäftigungsgrad) (Schiller/Strauß) das ursprünglich formulierte Kriterium Vollbeschäftigung „aufgeweicht“ worden. Von den Tarifvertragsparteien, aber auch von namhaften Nationalökonomen übersehen wurde die „Bevölkerungsbedingte Arbeitslosigkeit „als Teil der „Strukturellen Arbeitslosigkeit“. So ergab sich der Quotenanstieg 1961/1995 (nach altem Gebietsstand) von + 7,2 Prozentpunkten per Saldo aus + 14,2 Prozentpunkten „bevölkerungsbedingter Arbeitslosigkeit“ und einem Minus von 7,0 Prozentpunkten -tatsächlicher Beschäftigung.
Der anschließende Beitrag nimmt Bezug auf Alfred Müller-Armack und das Ahlener Programm der rheinischen CDU, in dem aufgrund der Erfahrungen mit der Entstehung des Zweiten Weltkriegs die Abschaffung des Kapitalismus postuliert worden sei. Müller-Armack habe nach einer friedenstiftenden Formel gesucht und u. a. für die Abschaffung von Monopolen plädiert, weil sie das Gleichgewicht störten. Gleichzeitig wurde darauf verwiesen, dass der Aufschwung in Teilen der Bevölkerung erst später angekommen sei. Das Buch von Ludwig Erhard aus dem Jahre 1957 mit programmatischem Titel „Wohlstand für Alle!“ und entsprechenden Ausführungen ist dabei nicht zu vergessen.
Dann wurde die Frage gestellt, was heute noch gültig sei? Zwei Familien in Deutschland würden soviel besitzen wie 40 % der Bevölkerung. Es brauche eine Reform der Besteuerung. Eine Vermögensbildung sie aktuell nur für wenige möglich.
Moderator Wolfgang Hesse stellt die Frage, welche besonderen Bedingungen das Entstehen der sozialen Marktwirtschaft begünstigt hätten und ob diese heute möglicherweise nicht mehr gegeben seien.
Prof. Wagner reflektierte auf seine früheren Diskussionen in Marburg u. a. mit marxistischen Gruppen. Im Hinblick auf den Wert der sozialen Marktwirtschaft zog er eine Analogie zu Churchills Bewertung der Demokratie, dass sie (trotz verschiedener Unzulänglichkeiten) im Vergleich zu anderen Modellen immer noch das Beste sei, was wir hätten. Menschen finden sich unter allen Gegebenheiten des Lebens zurecht. Akademisch „nörgelnde Systemveränderer“ haben weltweit bereits viel Unglück gebracht. Ein Marburger Student zu mir als Dekan: „Möglichst rasch DDR-Verhältnisse in der BRD herstellen!“
Ein Beitrag nimmt Bezug auf die Namenswahl des jetzigen Papstes Leo XIV, denn einer seiner Vorgänger, Papst Leo XIII. sei in seiner Zeit für sozialen Ausgleich in Europa eingetreten. Hingewiesen wurde auch auf eine Aussage von Habermas, nach der alle Demokratien kapitalistisch/marktwirtschaftlich seien, was mit dem Drang nach persönlicher Freiheit zu tun hat.
Nochmals erfolgte eine Bezugnahme auf Piketty, dass in einer Phase der progressiven Besteuerung der Aufbau sozialer Systeme erfolgen konnte und dass trotz hoher Besteuerung der Kapitalismus nicht zusammengebrochen sei. Dabei müsste der Zusammenhang von Wertschöpfung und Verteilung näher beleuchtet werden.
Ein weiterer Beitrag verwies darauf, dass es nicht darum gehen könne, den Kapitalismus oder die Marktwirtschaft als schlecht abzulehnen, sondern die Folgen des Kapitalismus durch entsprechende Regeln in den Griff zu bekommen. Sozialistische Systeme seien allerdings ungeeignet.
Der nächste Beitrag begann mit der Feststellung, dass es reiche Familien immer gegeben habe. Dann erfolgte der Verweis auf den Autor Werner Plumpe und sein Buch „Das kalte Herz“ (nicht zu verwechseln mit Wilhelm Hauffs Geschichte) und die Fähigkeit des Kapitalismus, Probleme zu lösen. So nütze der Kapitalismus u. a. auch der Mittelschicht. Gefragt wurde dann, wie die Situation in China zu erklären ist mit einem diktatorischen Regierungssystem und einem Ökonomischen System, das auch der Bevölkerung nützt.
Prof. Wagner führt aus, dass es Reiche überall gebe, wo Eigentum und Besitz ihre verlässlichen Rechtsregeln haben. „Unterentwicklung“ ist oft die Kehrseite fehlender Rechtsgrundlagen (so Jochen Röpke, Marburg). Es sei die Frage, wie es um die persönliche Freiheit steht. Es seien die Systeme abzulehnen, in denen diktiert gelebt werden muss. Mit dem chinesischen System habe er sich nicht vertieft befasst.
Bezogen auf die Thematik Kapitalismus und wirtschaftliche Entwicklung wird in einem Beitrag festgestellt, dass die Umweltzerstörungen weltweit nicht bei der Bewertung berücksichtigt werden. Zudem müssten Grundbedürfnisse in der Gesellschaft berücksichtigt und von der Gesellschaft kontrolliert werden, um die Lebensbedingungen zu erhalten.
Prof. Wagner stellt die Frage, ob es die gewählten Vertreter nicht schaffen, gegen das Zerstörerische anzugehen. Er unterstrich, dass das Zusammenspiel von Wirtschaft und Recht (Begrenzungen) wichtig sei. Abschließend stellte er mit Arrow fest, dass das Herstellen einer konsistenten Gesamtsicht (aufgrund der Komplexität) nicht möglich sei.
Wolfgang Hesse dankt Herrn Prof. Dr. Dr. Wagner für seinen sehr informativen Impuls und seine rege Beteiligung an der anschließenden Diskussion. Ebenso bedankt er sich bei den Teilnehmern für ihre interessanten Beiträge. Er wünscht den Teilnehmern ein erholsames Weihnachtsfest und für 2026 alles Gute.
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